Ausgabe August 2026

Lehrjahre der Unmenschlichkeit

Faschismus als Prozess der Verrohung

Teilnehmer der rechten Demo »Wir für Deutschland«, 3.10.2018 (IMAGO / Christian Mang)

Bild: Teilnehmer der rechten Demo »Wir für Deutschland«, 3.10.2018 (IMAGO / Christian Mang)

Seit dreißig Jahren, in manchen Nationen sogar schon länger, erleben wir einen Aufstieg des rechten Populismus. Ultrarechte Parteien werden nicht nur stärker, viele radikalisieren sich auch nach und nach – oder sogar rasend schnell. Und eine entscheidende Rolle spielt dabei ein Kult der Härte, der die schräge Allianz aus Neuem Faschismus und Ultraliberalen fest zusammenhält.

Konnte man vor einigen Jahren noch vom aufkommenden »Rechtspopulismus« sprechen, wäre das heute in vielen Fällen eine Verharmlosung. Rechtsextremismus oder Neuer Faschismus trifft es da schon weit besser, bedenkt man, dass sich faschistische Bewegungen durch eine Reihe von Eigenschaften auszeichnen: Führerkult, paranoide Weltbilder, die permanent geschürt werden, ein Schwarz-Weiß-Denken, antagonistische Feindbilder, vor allem von Minderheiten, aber auch gegen vermeintliche innere Feinde. 

Mittels maximaler negativer Emotionalisierung wird so die eigene Anhängerschaft in eine erregte und wütende Masse verwandelt. Diese wird zur »Bewegung« erklärt und die daraus resultierende Partei zur »Antipartei«, die angeblich gegen das Parteiensystem steht, obwohl sie selbst längst Partei ist.

Der US-Forscher Robert O. Paxton hat den Faschismus einmal als »emotionale Lava«, als eine »Angelegenheit des Bauchgefühls« beschrieben. Zu seinen Ingredienzien zählen für Paxton leidenschaftlicher Nationalismus, »eine verschwörerische und manichäische Sicht auf die Geschichte als Kampf«, und zwar einen Kampf zwischen dem »Reinen und dem Korrupten«. Er sei getragen von einem Gefühl einer überwältigenden Krise. Die Anhänger empfänden, dass der eigenen Gruppe Vorrang gebühre, sie glaubten aber, »dass die eigene Gruppe ein Opfer« sei, und sehen diese in einem darwinistischen Kampf, in dem nur das Gesetz der Stärke zähle, weshalb Gewalt gerechtfertigt sei, die Herrschaft des Rechts dagegen eine Illusion. Faschismus, das sei ein »Nebel von unterschwelligen Einstellungen«. Er brauche keine Theorie – weil er vielmehr von »mobilisierenden Leidenschaften« lebe.1

Faschismus ist, so gesehen, eher eine Stimmung, die einen nach und nach erfasst und überwältigt. Die Affekte von Gekränktheit, Angst, Neid, das Ressentiment und die Erlösungssehnsucht, sie alle sind ansteckend – und diese Ansteckung läuft nicht bloß von den Agitatoren zu den Anhängern, sondern wirkt kreuz und quer. Wie bei Synapsenverschaltungen werden die Verbindungen gestärkt, je intensiver sie benutzt werden. Emotionen, Tonfall und Phrasen werden übernommen, steigern sich zu Fanatismus. 

Der Faschismus ist demnach weniger eine Ideologie als ein sozialer Prozess. Ansteckung ist kein Zufall, sie gedeiht in Milieus, in denen Gefühle zirkulieren wie ein Echo, das lauter zurückkehrt, als es ausgesendet wurde. Bis der Fanatiker am Ende als normal erscheint und der Normale als verdächtig.

Das trifft alles auf Parteien wie die MAGA-Bewegung der US-Republikaner zu, genauso auf die Alternative für Deutschland oder die Freiheitliche Partei in Österreich. Sie alle haben sich in den vergangenen Jahren in einem Prozess der Selbstradikalisierung markant verwandelt. Gewiss, Rechtspopulismus ist nicht dasselbe wie Faschismus, aber die Übergänge sind fließend. Wer als Rechtspopulist begann, kann als Faschist enden.

Und es geschah und geschieht dabei auch etwas Eigentümliches, das bis heute erst in Ansätzen verstanden wird: Die Radikalisierung der einen Partei wirkte als Aufschaukelung und Vorbildeffekt auf die anderen zurück. Das Resultat ist die Radikalisierung aller in einem längst globalen Resonanzraum. Simpel gesagt: Ohne Trump wäre die AfD wahrscheinlich gemäßigter, die FPÖ wäre ohne die AfD weniger radikal – und umgekehrt.

Dabei gehört es zum fixen Repertoire von Donald Trump als regelrechtem Idealtypus des »autoritären Entertainers« (Hans-Dieter König)2, mit der Gewaltlust und den Affekten seiner Zuhörer zu spielen. Schon im Wahlkampf 2016, also vor seiner ersten Amtszeit, sagte Trump vor großen Massenversammlungen: »Wenn ihr jemanden seht, der eine Tomate werfen will, prügelt ihn windelweich, klar? Ernsthaft, macht ihn fertig. Ich verspreche euch, die Gerichtskosten zu bezahlen.« Bei ähnlicher Gelegenheit, in Michigan, ermunterte er seine Fans, etwaige Störer rauszuschaffen: »Versucht, ihm nicht wehzutun. Wenn doch, werde ich euch vor Gericht verteidigen. Wir wollen nicht mehr übertrieben politisch korrekt sein. Stimmt’s, Leute?« Und kurz davor, in Nevada, verkündete Trump, nachdem jemand gegen ihn protestiert hatte: »Ich liebe die alte Zeit. Wisst ihr, was man damals mit Typen wie diesen gemacht hat, wenn sie an einem Ort wie diesem auftauchten? Sie wären auf Tragen hinausgeschafft worden.«

Der Rechtsradikale fühlt sich chronisch unterdrückt – und zugleich mit einer höheren Macht im Bunde.

Im Wahlkampf 2016 gab es eine Episode, die besonders bezeichnend ist, und zwar in vielfacher Hinsicht. Trump verspottete bei einer Wahlkampfveranstaltung einen Reporter mit Behinderung, indem er dessen zuckende Armbewegungen infolge einer angeborenen Gelenkversteifung nachäffte. Trumps Fans grölten vor bösartiger Belustigung. Es war wirklich ein TV-Schockmoment, und die allermeisten Menschen haben es wohl als eine ekelhafte Übertretung empfunden. Aber aus Sicht von Trump und seinen Anhängern war es ein Akt der »Opposition« gegen eine gängige Moralvorstellung, nämlich die, dass man Menschen mit Behinderung oder auch einfach Menschen mit irgendeinem Nachteil nicht verspottet. Indem sie sich aber über diesen Konsens hinwegsetzen, kultivieren sie nicht nur Grausamkeit, sie sehen sich tatsächlich im Widerstand gegen einen Mainstream. 

Das ist das Neue an den neuen Rechtsradikalen: Sie können das Weiße Haus erobern, das mächtigste Amt der Welt, sie können beide Parlamentskammern kontrollieren, das höchste Gericht mehrheitlich mit Loyalisten besetzen und das Silicon Valley auf ihrer Seite haben – und betrachten sich noch immer als Widerstandskämpfer gegen eine »linke Hegemonie«. Dafür müssen sie nur Wohlerzogenheit, Respekt und die allgemein anerkannte Sittlichkeit als »links« ansehen. Der Spott über Behinderte wird dann geradezu zur gegenkulturellen Provokation.

Weite Teile von Trumps Regierungszirkel sind radikal-evangelikale Fundamentalisten.

Es ist so, als würde man einen Gelähmten aus dem Rollstuhl kippen und die Aktion als gegenkulturelle Aktion gegen das Höflichkeitsdiktat verkaufen. Im Wahlkampf 2024 wurden an die Anwesenden bei Trumps Reden gedruckte Schilder ausgegeben, die diese begeistert hochhielten: »Mass Deportation Now«. Elon Musk, der reichste Mann der Welt, stachelt mittlerweile gewohnheitsmäßig zu Gewalt und zu einem – noch – geistigen Bürgerkrieg auf. »Die Linke ist die Partei der Mörder. Ob ihr Gewalt wählt oder nicht, die Gewalt kommt zu euch. Entweder ihr wehrt euch oder ihr sterbt«, sprach er, per Video zugeschaltet, auf einer Demonstration von 100 000 Anti-Einwanderungsaktivisten in London.

Der Rechtsradikale posiert als Widerstandskämpfer gegen den Mainstream – sogar dann, wenn er im mächtigsten Amt sitzt, das es in der Welt zu ergattern gibt. Der Rechtsradikale fühlt sich chronisch unterdrückt – meist durch die Tatsache, dass auch Menschen mit anderen Ansichten existieren – und zugleich mit einer höheren Macht im Bunde.

Die neuen Kreuzritter

Weite Teile von Trumps Regierungszirkel gehören radikal-evangelikalen Fundamentalistengemeinschaften an, wie etwa Kriegsminister Pete Hegseth. Auf seinem Körper hat er sich Kreuzrittersymbole eintätowieren lassen sowie den Gotteskriegerslogan »Deus Vult«, einen zentralen Ruf aus der Kreuzzugsära. Er sorgte auch für reichlich Gespött, als er im Zuge einer Lobrede auf seine Militärs vermeintlich aus einem alttestamentarischen Vers rezitierte: »Der Pfad der Gerechten ist auf beiden Seiten gesäumt mit Freveleien der Selbstsüchtigen und der Tyrannei böser Männer. Gesegnet sei der, der im Namen der Barmherzigkeit und des guten Willens die Schwachen durch das Tal der Dunkelheit geleitet, denn er ist der wahre Hüter seines Bruders und der Retter der verlorenen Kinder. Ich will große Rachetaten an denen vollführen, die da versuchen, meine Brüder zu vergiften und zu vernichten, und mit Grimm werde ich sie strafen, dass sie erfahren sollen: Ich sei der Herr, wenn ich meine Rache an ihnen vollstreckt habe!«

Kurz danach stellte sich heraus, dass Hegseth eine bastardisierte Variante der Passage vortrug – eine Persiflage aus Quentin Tarantinos Kultfilm Pulp Fiction. Der Vers wird dort gewohnheitsmäßig von einem Auftragskiller gesprochen, bevor er seine Opfer ermordet. Was freilich wiederum kein schlechtes Sinnbild für Trump und seine Mitstreiter ist. Der Missbrauch des Religiösen und christlicher Motive kommt Blasphemie und Frevel recht nahe. Nicht zu Unrecht werden die Trump-Leute, die christliche Motive so unverschämt für ihre aggressive Weltkriegsrhetorik missbrauchen, schon die »Gotteslästerer von Washington« genannt, aber es dürfe nicht ignoriert werden, dass mit alldem die »Religion gnadenlos zur Waffe umgeschmiedet« wird.3 Die US-Militärs, die im Frühjahr den Iran bombardierten, sah Hegseth in einem Krieg »für Jesus«. Damit wird an eine Sprache angeschlossen, in der Heilserwartung und Vernichtung nah beieinander liegen, es wird eine »Verbindung von Frömmelei und Blutrünstigkeit« beschworen und »militante Maskulinität mit christlicher Gewissheit«4 kombiniert. Hegseths engster religiöser Vertrauter, der Pastor seiner Gemeinde, ist beispielsweise für die Abschaffung des Frauenwahlrechts und die Errichtung einer Theokratie.

Nacheiferndes Europa 

Während sich die USA daranmachen, allmählich und rasant eine faschistische Gesellschaftsform zu etablieren, bleibt es in den meisten europäischen Ländern noch bei Rhetorik und bei gelegentlicher Herrschaft der Niedertracht. Aber auch diese Rhetorik und Agitation zielt darauf ab, Menschen zu verwandeln, die niedrigsten Instinkte zu nähren und die natürlichen Hemmungen gegenüber grausamen Handlungen abzubauen.

Alice Weidel ist die idealtypische Verkörperung eines Kältestromes, der unsere Gesellschaften durchzieht.

Bei Reden des FPÖ-Anführers Herbert Kickl gerät das Auditorium gerade dann in Jubel und enthemmtes Gejohle, wenn er fantasiert, was man mit unerwünschten Fremden, inneren Feinden oder Politikern der sogenannten »etablierten Eliten« anstellen werde. Auch das Charisma von Alice Weidel besteht vornehmlich in dem Appeal der Eiseskälte einer Person, die völlige Unbarmherzigkeit ausstrahlt und den Anschein erweckt, frei von jedem Mitgefühl zu sein. Sie ist die idealtypische Verkörperung eines Kältestromes, der unsere Gesellschaften durchzieht. 

Im medialen Ökosystem aus Boulevard, rechtsextremen Pseudomedien und Social-Media-Plattformen wird diese Raserei dann in eine endlose Suada an Böswilligkeit, Mordfantasien und Hasskultur überführt, die erstaunliche Ähnlichkeiten mit der Massenhysterie aufgeschaukelter Teilnehmer an Pogromen aufweist, selbst wenn es keine physisch kompakte Masse ist, die sich an einem Ort konzentriert, sondern ein digitaler Mob von Leuten, die oftmals vereinzelt vor ihren Computern oder Smartphones sitzen.

Der Anführer oder die Führungscrew der Autoritären müssen, um diese Eigenschaft der Eiseskälte zu verkörpern, nicht einmal aus Psychopathen bestehen, wenngleich es sicherlich hilft. »Donald Trump einen Soziopathen zu nennen, fühlt sich an wie die Behauptung, Wasser sei nass«, bemerkt der Autor und Blogger Brent Molnar.5 »Was, wenn die unberechenbare Grausamkeit, die zwanghafte Lüge, die offene Verachtung von Regeln und Empathie nicht nur ein schrulliges politisches Branding ist? Was, wenn es sich um ein dokumentiertes, diagnostizierbares Muster handelt?« Aggression, Betrug, fehlende Reue, die völlige Missachtung anderer, von Regeln und grundlegender Moral, all das sind nicht nur individuelle Charaktereigenschaften und sichtbare Zeichen von Trumps öffentlicher Persona, sondern auch einer persönlichen Störung.

Sehen Sie sich die Checkliste an: Keine Reue für den verursachten Schmerz? Abgehakt. Missachtung von Gesetzen, Normen und Menschenwürde? Abgehakt. Chronisches Lügen, auch wenn es ihm nichts bringt? Tyrannisieren derer, die unter ihm stehen, Anbetung derer, die über ihm stehen? Alles angekreuzt. Und trotzdem verwechseln Millionen Trumps Verhalten mit »Stärke«. In Wirklichkeit ist er ein Kleinkind im Anzug, mit den Atomwaffencodes und einem ständigen Groll. 

Das Zusammenspiel von Narzissten und dem medialen Starsystem

Psychische Störungen und perverse Anreizsysteme der Aufmerksamkeitsökonomie können die beste Symbiose eingehen, wie wir alle wissen, wenn wir nur an das Zusammenspiel von Narzissten und dem medialen Starsystem denken. So setzt die politische Aufmerksamkeitsökonomie Leute wie Donald Trump auch noch dem Anreiz aus, sich immer weiter zu radikalisieren. Er kann die Empörung nur schüren, wenn er sich noch schlechter verhält, als wir es von ihm gewohnt sind, beschreibt der kanadische Kolumnist und Autor Andrew Coyne diese Spirale. Es reicht nicht mehr aus, etwas Entsetzliches zu sagen, das in normalen Zeiten die Karriere eines Politikers beendet hätte. Denn das tue »er buchstäblich mehrmals am Tag«. Vielmehr müsse »er die Erwartungen an seine Groteskheit übertreffen«.6

Auf skurrile Weise steckt Trump somit in einem ähnlichen Dilemma wie seine Gegner, die die Empörung trotz der Gewöhnung an das Empörende aufrechterhalten müssen. »Um seine Sucht nach Empörung weiter zu nähren, muss sich das Verhalten von Herrn Trump also nicht nur weiter verschlechtern, sondern dies auch in immer schnellerem Tempo tun«, so Coyne. Er verweist auf einen konsistenten Trend in Trumps Verhalten, nämlich dass er in jeder Situation immer, ohne Ausnahme, nicht nur das Falsche, sondern das Schlimmstmögliche sagt und tut; dass er immer, ohne Ausnahme, das Gegenteil von dem sagt und tut, was richtig, rechtmäßig, konventionell, logisch oder sogar rational eigennützig ist.

Trump, so der Autor weiter, habe »wie Fliegenpapier« eine Clique von Gefolgsleuten angezogen, die dem gleichen psychologischen Profil entsprechen: verdrehte Fanatiker wie Stephen Miller oder Robert Kennedy Jr., gewissenlose Opportunisten wie JD Vance, ohne Übertreibung einige der schlimmsten Menschen in Amerika. Sarkastisch spricht Coyne von einer »Hyperinflation der präsidialen Verwirrung«.Nachdem eine Gruppe demokratischer Abgeordneter darauf hingewiesen hatte, dass rechtswidrige Befehle von Vorgesetzten verweigert werden können – ja, sogar müssen –, drehte Trump im November 2025 völlig durch. Er sprach von »aufwieglerischem Verhalten«, das mit »dem Tod« bestraft werden könne. Kurzum: Er stellte in den Raum, oppositionelle Politiker einfach hinzurichten. Das immerhin sorgte dann doch noch für etwas Aufregung – und zugleich für Zustimmung in den eigenen Reihen.

Björn Höckes »wohltemperierte Grausamkeit«

Weniger im Gestus des populistischen Tribuns, als vielmehr im Tonfall des gnadenlosen Schulmeisters pflegt dagegen Björn Höcke die Lust am Gemeinen zu verbreiten, wie etwa in dem Gesprächsband »Nie zweimal in denselben Fluß«.7 Darin fantasiert Höcke von einer »erhofften Wendephase«, in der uns »harte Zeiten« bevorstünden. Um die in den letzten Jahren und Jahrzehnten Eingewanderten zu vertreiben, werde man »nicht um eine Politik der ›wohltemperierten Grausamkeit‹« herumkommen. In geradezu bizarrem Selbstmitleid beklagt Höcke schon einmal prophylaktisch, dass dabei böse Taten vollbracht werden müssen, die dem »eigentlichen moralischen Empfinden zuwiderlaufen«. Der Täter, der anderen Schaden zufügt, verwandelt sich in dieser absurden Schuldumkehr selbst in ein Opfer, das nun einmal nicht anders kann, zu seinem eigenen Leidwesen. Selbstverständlich dürfen die gängigen Vokabeln menschenfeindlicher Schurken nicht fehlen, wenn Höcke von »starken Besen« fabuliert, von fester Hand, von »Zuchtmeister« und »ausmisten«. »[D]ie deutsche Unbedingtheit« werde »der Garant dafür sein, dass wir die Sache gründlich und grundsätzlich anpacken […]. Wenn einmal die Wendezeit gekommen ist, dann machen wir Deutschen keine halben Sachen.«

Weniger im Gestus des populistischen Tribuns, als vielmehr im Tonfall des gnadenlosen Schulmeisters pflegt dagegen Björn Höcke die Lust am Gemeinen zu verbreiten.

Auch hier spricht der Agitator natürlich nicht einfach vor sich hin, er formuliert nicht bloß, was er sich denkt, selbst wenn der Resonanzraum bei einem Buch ein anderer ist als bei einer Rede vor tausenden Leuten oder bei einem Posting in den »Radikalisierungsmaschinen«8 des Internets. Die Rede von der Grausamkeit soll zunächst einen Schauer auslösen und dem Redner dann den Zuspruch eines Publikums sichern, das dem Kult der Härte etwas abgewinnen kann und das in einem zweiten Schritt durch die Aussicht auf grausame Taten sogar einen Lustgewinn verspürt. Die Provokation selbst, als Übertretung dessen, was als gemeinhin »sagbar« gilt, kann Gefühle des sadistischen Lustgewinns auslösen. Sie setzt einen Überbietungswettbewerb in Gang, wer der schlimmere Finger, der autoritärere Typ, die fieseste Figur ist. Feixende Spießgesellen, denen man die Freude an der eigenen Bösartigkeit von Weitem ansieht.

Menschen, die permanent mit solchen Botschaften beschossen werden, die in die Fänge der faschistischen Propaganda geraten, die schier ununterbrochen auch mit negativen Schlagzeilen, Nachrichten von abscheulichen Verbrechen, mit echten oder auch nur erfundenen Übeltaten aufgereizt werden und denen man einredet, böswillige Eliten würden sie kujonieren und die Welt in einen Sündenpfuhl und ein Drecksloch von Bedrohung, Kriminalität, Verrat und Betrug verwandeln – solchen Leuten erscheinen grausame Taten nicht als schlimme Sache, sondern sogar als gerechtfertigte Notwehr. Gerade dann, wenn all diese Botschaften mit wachsender Schrillheit, in einer Art Hyperinflation des Irrwitzes vorgetragen werden. 

Der rechtsradikale Anführer als Retter

Der Anführer, der ihnen verspricht, sie in Sicherheit zu bringen, liefert zu den negativen Gefühlen die positiven gleich noch dazu: Er ist der Retter. Endlich einer, auf den sie sich verlassen können. Und wenn der einzelne Betrogene sich als Ohnmächtiger fühlt, so rettet der Anführer nicht nur die Einzelnen, sondern eine Gruppe Gleichgesinnter, etwa die amorphe Menge der einfachen Leute, die man bisher missachtet hat. So kommt gleich noch Gemeinschaftsgefühl dazu, ebenfalls eine positive Emotion. Die Agitation macht etwas mit den Menschen. Sie verroht sie. Und das wirkt bis in den Alltag zurück und verhindert im Extremfall sogar normale menschliche Reaktionen. Es wird eine Enthemmung in Gang gesetzt. Menschen verändern sich im Zuge dessen. 

Klassische Theorien über den autoritären Charakter gingen dagegen von mehr oder weniger fixen Anlagen von Menschen nach »emotionalem Typus«, Bildungsgrad oder Erziehung aus. Gegen ein solches Modell, das in groben Fällen an Essenzialismus grenzt, gibt es seit Langem auch kritische Einwände, viele Sozialpsychologen favorisieren heute daher eher ein »dynamisches« Modell. Demnach ist niemand ganz immun gegen diese Wirkungen, im Extremfall kann es uns sozusagen alle erwischen. Auch wenn diese Position höchstwahrscheinlich auch übertrieben ist, sollten wir nicht gänzlich ignorieren, dass wir hier nicht von irgendwelchen seltsamen »Verhetzten« reden, mit denen wir nichts zu tun haben, sondern stets im Hinterkopf behalten, dass jeder und jede von uns auf irgendeine Weise in das beschriebene Geschehen verstrickt ist – in diesen Lehrjahren der Unmenschlichkeit.

Wie die Grenzen des Denk- und Sagbaren immer weiter verschoben werden

So kursierte im Herbst 2025 ein Video im Internet von einem offensichtlich psychotischen Mann, womöglich ein Flüchtling, der auf das Dach eines Autos geklettert war und sich dort mit Benzin übergossen hatte. Unter dem Clip waren dann hunderte Kommentare, die alle eine ähnliche Botschaft hatten: Zünde dich an. Mach doch. »Kann ihm wer Feuer geben?«.

Etwa zur gleichen Zeit machten Bilder und Nachrichten aus Südspanien Schlagzeilen. An einem beliebten Strand südlich von Granada war ein Boot mit Flüchtlingen angekommen, die dann versuchten, vom Strand wegzulaufen. Aber die Badegäste haben den Flüchtlingen, die eine erschöpfende und schwere Fahrt hinter sich hatten, nicht etwa geholfen, sie haben ihnen nachgestellt, haben sie niedergerungen, festgehalten, an den Knöcheln zu packen versucht und wie Verbrecher der Polizei übergeben. »Verstörend« seien die Szenen gewesen, so die Sprecherin einer NGO. Dass sich Urlauber offenbar legitimiert fühlen, gewaltvoll gegen Schutzsuchende vorzugehen, sei das Ergebnis jahrelanger politischer und medialer Entmenschlichung von Menschen auf der Flucht.9

Daran zeigt sich: Die Grenzen des Denkbaren werden immer krasser verschoben. Im rechten US-Sender »Fox News« wurde in einer Talkrunde mit den Gästen die Gefahr besprochen, die von psychisch kranken Gewalttätern ausgehe, vor allem von sozial depravierten Gestrandeten, die keine Therapien bekämen, weil sie ja gar nicht mehr in der Lage seien, irgendetwas zu organisieren. Ein Gesprächsgast schlug dann vor, dass man Obdachlose mit psychischen Problemen in geschlossene Anstalten zwingen und all jene, die sich den Therapieeinrichtungen entzögen, mit Giftspritze töten solle. Es fand sich niemand im Studio, der seiner Idee widersprach.10

Rechtsextremisten wie Höcke, Kickl und ihre Parteien leben davon, Gereiztheit und Wut zu schüren.

Der Aussage »Einige Politiker haben es verdient, wenn die Wut gegen sie auch schon mal in Gewalt umschlägt«, stimmten im November 2023 36 Prozent der Anhängerinnen und Anhänger der AfD zu.

Rechtsextremisten wie Höcke, Kickl und ihre Parteien leben davon, Gereiztheit und Wut zu schüren. Der Zorn ist ihr Brennstoff. Jedes reale Problem muss ins Groteske übertrieben werden. Sie sind – im buchstäblichen Sinn – »Unglücksparteien«. Wo kein Problem ist, müssen fürchterliche Gefahren erfunden werden, und diese dürfen überdies nicht einfach bestehen, als Folgen komplexer gesellschaftlicher Prozesse, es müssen immer böswillige, fiese Akteure (»die Eliten«, »die Globalisten«, »die Muslime«, »die Juden«) dahinterstecken, die einerseits mächtig sind und es andererseits darauf abgesehen haben, die arglosen normalen Menschen zu unterdrücken. Der »neue Strukturwandel der Öffentlichkeit« (Jürgen Habermas), also die wachsende Bedeutung der Sozialen Medien als Brandbeschleuniger, spielt dabei ebenfalls eine entscheidende Rolle. Die Empfänger der Propaganda sind einer Art Gehirnwäsche ausgesetzt, die ihre Empörung stets neu nähren und verstärken soll. Das führt zu mehr Stimmen für die extremen Rechten, macht diese also »glücklich«, weil damit Ämter und gut bezahltes Bonzentum verbunden sind. Das Unglück ihrer Anhänger ist das Glück der rechten Bonzen. So einfach ist das.

Neue und alte mediale Polarisierungsunternehmer

Polarisierungsunternehmer im Umfeld der Rechtsextremisten sind dabei wesentliche Akteure in diesem »Spiel«, jene Pseudomedien wie »Nius« in Deutschland oder »Exxpress« in Österreich. Zu diesem medialen Ökosystem gehört auch der hergebrachte Boulevard, wenn er sich etwas davon verspricht wie etwa ein besseres Geschäftsumfeld oder einfach Klicks im Onlinebusiness: Die Berichterstattung wird dann beispielsweise auf empörende Gewaltverbrechen beschränkt, vor allem, wenn sie von Migranten begangen werden. Erschlägt ein einheimischer Rentner seine Frau, ist es eine »Familientragödie«, während aus jeder von einem Asylbewerber zugefügten oberflächlichen Schnittverletzung eine gellende Schlagzeile wird. Die Strategie dahinter ist klar: Den Menschen soll eine ständige Bedrohung vorgegaukelt werden, der Zusammenbruch der friedlichen öffentlichen Ordnung. 

Die Absicht kennt man aus der Geschichte, denn wir wissen aus vielen Beispielen, dass Menschen autoritäre Anführer und Faschisten meist nicht deshalb an die Macht bringen, weil die Menschen selbst Faschisten sind, die Demokratie, Pluralismus und Rechtsstaat zerstören wollen, sondern weil ihnen eine Art von fatalistischer Abwägung vorgegaukelt wird, also dass man die Abschaffung von Demokratie und Menschenrechten hinnehmen müsse, um Sicherheit garantieren zu können.

Der Weg in den Abgrund ist mit fabrizierten Unglücksgefühlen gepflastert, in die die Rechtsextremisten ihre Anhänger hineinmanipulieren. Negativismus und Depression seitens ihrer Fans nehmen sie dabei gerne in Kauf. Denn die sind ja für sie bloß zujubelndes Menschenmaterial, nützliche Idioten, denen gegenüber man ein zynisches Verhältnis hat. Je unglücklicher sie sind, umso besser. 

Der Weg in den Abgrund ist mit fabrizierten Unglücksgefühlen gepflastert, in die die Rechtsextremisten ihre Anhänger hineinmanipulieren.

»Aus Sicht der Rechtspopulisten ist es also nur rational, den Angstpegel hoch zu halten«, konstatiert der Politikforscher Johannes Hillje. In seinen Studien hat er die »politische Emotionalisierung« verschiedener Milieus und Wählersegmente untersucht. Das von ihm als »wütend rechtspopulistisch« bezeichnete Cluster weist sehr markante Charakterzüge auf: »89 Prozent sind wütend, 88 Prozent empört und 55 Prozent ängstlich. Hoffnung (vier Prozent) und Stolz (sechs Prozent) sind mit Blick auf das Land praktisch nicht vorhanden.«11

Eine schöne Illustration all dessen war ein Fauxpas, der dem AfD-Abgeordneten und Parteivorstandsmitglied Harald Weyel unterlief, als er im September 2022 bei einer Veranstaltung mit seinem Nebenmann plauderte und vergaß, dass die Mikrofone angeschaltet waren. Er brachte seine Hoffnung zum Ausdruck, dass es mit Deutschland weiter bergab gehe, weil sich nur dann etwas an den politischen Verhältnissen ändere: »Wenn’s nicht dramatisch genug wird, dann geht’s so weiter wie immer.« Zwei Jahre zuvor hatte der damalige Parteisprecher Christian Lüth mit einer heimlich aufgenommenen Aussage für Aufregung gesorgt: »Je schlechter es Deutschland geht, desto besser für die AfD.« (Da er in dem Gespräch außerdem gesagt hatte, man könne Migranten »erschießen« oder gar »vergasen«, wurde er vom Parteivorstand entlassen.)

Einen erheblichen Anteil an der eigentümlichen Zerstörungslust, und zwar insbesondere bei den MAGA-Leuten aus reichen Milieus – man könnte auch sagen: aus wohlstandsverwahrlosten Bevölkerungsgruppen –, hat ein besonderer Ennui, ja Ekel, eine Langweile an der Zeit und die Sehnsucht danach, dass irgendetwas geschehe, und wäre es auch eine Katastrophe. Diese Stimmung ist in der Geschichte keineswegs neu, man denke an die Begeisterung am Beginn des Ersten Weltkrieges. 

Bemerkenswert dafür ist eine vordergründig ganz nebensächliche Formulierung von Peter Thiel, der in einem Interview von seinem Empfinden während der 1990er und 2000er Jahre sprach, dem Gefühl, diese »würden nie mehr enden«. An eine »Zombie-Zeit« erinnerte sich Thiel: »Nichts passierte.« Die Trump- und MAGA-Revolution, sie ist wenigstens ein Ereignis, das gelangweilte Milliardäre aus der empfundenen Eintönigkeit reißt.

Was die schräge Allianz aus Neuem Faschismus und Ultraliberalen fest zusammenhält, ist jener Kult der Härte, der beiden zugrunde liegt. Was den Faschisten die autoritäre Kraftmeierei, ist den Ultraliberalen die Anbetung des Winners und die Verachtung der Loser. Mitgefühl ist aus ihrer Sicht das Laster von Weicheiern.

»Die fundamentale Schwäche der westlichen Zivilisation ist Empathie«, meinte der (neuerdings erste) Tech-Billionär und bis vor Kurzem Trump-Unterstützer Elon Musk in einer Folge des rechten Testosteron-Podcasts »The Joe Rogan Experience«.12 Für Tech-Investor und Paypal- sowie Palantir-Gründer Peter Thiel begann alles Beklagenswerte mit dem falsch verstandenen Nächstenliebe-Klimbim des Christentums, weil »es immer die Seite der Opfer einnimmt«, wie er in einem Interview mit dem Podcast-Format »Triggernometry« ausführte.13 Damit ist quasi die Nächstenliebe direkt an der »Wokeness« schuld, diesem – aus Thiels Sicht – Kult des Schwachen. 

Was den Faschisten die autoritäre Kraftmeierei, ist den Ultraliberalen die Anbetung des Winners und die Verachtung der Loser.

Der leidenschaftliche Kampf gegen »Toxic Empathy« ist denn auch neuerdings der letzte Schrei unter Rechtsextremen, Neo-Konservativen und Post-Liberalen. »Effektiver Altruismus« beispielsweise besteht für sie nicht darin, irgendwelchen bemitleidenswerten Armen zu helfen, sondern die Starken zu befreien, weil das dann zu mehr Wachstum und Wohlstand führe und so zugleich Chancen für die Armen biete, sofern sie bis dahin nicht verhungert sind. »Longtermism« ist daher auch ein beliebter Slogan in diesen Kreisen, was heißt: Leute füttern, die heute hungern, ist ineffektiv, effektiv ist, dafür zu sorgen, dass es in hundert Jahren keinen Hunger mehr gibt. Den Hungerleidern als Abstraktum helfe man also am besten, indem man den konkreten Hungerleider verenden lasse.

Diese Grammatik der Härte verbindet Männlichkeitsideale, eine Ästhetik der Erbarmungslosigkeit mit Volks- und Umerziehungsidealen einer Schwarzen Pä-dagogik, wonach »notwendige Härte« die effektivste Form der Zuneigung sei. Entsprechend dem alten Bibelvers: »Wen der Herr liebt, den züchtigt er.« Nur dass es sich in diesem Falle beim Zuchtmeister nicht um Gott, sondern – in bemerkenswerter Häresie – um selbsternannte Götter handelt, von Donald Trump bis Elon Musk.

Der Beitrag basiert auf »Erziehung zur Grausamkeit. Die Massenpsychologie des Neuen Faschismus«, das am 15. August in der Edition Suhrkamp erscheint. 

1 Robert O. Paxton, The Anatomy of Fascism, New York 2004, S. 41 ff.

2 Hans-Dieter König, Der autoritäre Entertainer: Tiefenhermeneutische Rekonstruktion von Donald J. Trumps Rede zu seinem Amtsantritt, in: »Psychosozial«, 3/2019, S. 73–88.

3 Thomas Assheuer, Die Gotteslästerer von Washington, in: »Die Zeit«, 14.4.2026.

4 Julia Carrie Wong, Pete Hegseth’s Holy War: The Militant Christian Theology Animating the US Attack on Iran, theguardian.com, 10.4.2026.

5 Brent Molnar, The Man-Child in Chief: Why Donald Trump’s Behavior Isn’t Just Alarming – It’s Clinical, brentmolnar.substack.com, 30.6.2025.

6 Andrew Coyne, Donald Trump – and American Democracy – Is Getting Exponentially Worse, zit. n. Robert Reich, The True Catastrophe of Trump, as Seen From North of the Border, robertreich.substack.com, 16.12.2025.

7 Björn Höcke, Nie zweimal in denselben Fluß. Björn Höcke im Gespräch mit Sebastian Hennig, Lüdinghausen 2018.

8 Julia Ebner, Radikalisierungsmaschinen. Wie Extremisten die neuen Technologien nutzen und uns manipulieren, Berlin 2019.

9 Moritz Bletzinger, Touristen attackieren Geflüchtete am Strand, fr.de, 10.8.2025.

10 Christine Novotny, Fox-News-Moderator fordert Hinrichtung Obdachloser, fr.de, 15.9.2025.

11 Johannes Hillje, Mehr Emotionen wagen. Wie wir Angst, Hoffnung und Wut nicht dem Populismus überlassen, München 2025, S. 146.

12 Zit. nach Zachary B. Wolf, Elon Musk Wants to Save Western Civilization From Empathy, edition.cnn.com, 5.3.2025.

13 The Real Risk Is Totalitarian World Government, Interview mit Peter Thiel, youtube.com, 28.7.2024.

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