Ausgabe Juni 2026

Eine Stimme zwischen den Fronten

Hamza Abu Howidy: Muscheln am Strand von Gaza, Cover: S. Fischer-Verlag

Bild: Hamza Abu Howidy: Muscheln am Strand von Gaza, Cover: S. Fischer-Verlag

Es ist erstaunlich, wie sich die Stimme Hamza Abu Howidys gegen alle Widerstände zu einer Stimme des Friedens entwickelt hat. Der junge Aktivist ist Palästinenser, geboren 1997 in Gaza-Stadt, aufgewachsen unter den Bedingungen von Blockade, israelischer Kontrolle und schließlich der Herrschaft der Hamas. Er weiß, was es heißt, wenn eine Gesellschaft von außen eingesperrt und von innen durch ein autoritäres, islamistisches Regime beherrscht wird. Dennoch wählt er den Weg der Verständigung. 

Sein Buch »Muscheln am Strand von Gaza«, entstanden unter Mitwirkung der Journalistin und Nahostexpertin Judith Poppe, liefert einen seltenen Blick in das Innere des Gazastreifens. Es ist ein Bericht über politische Gewalt, eine traumatische Kindheit und die mühsame Entwicklung eines unabhängigen Urteilsvermögens. Palästinenser:innen sind hier weder eine abstrakte Opfergruppe noch ein Täterkollektiv, Gaza dient nicht bloß als Chiffre für eine geopolitische Katastrophe.

Hamza Abu Howidy eröffnet seine Erinnerungen mit einem Blick zurück in das Jahr 2007. Sein Buch beginnt in jenem Juni, in dem die Lage im Gazastreifen nach dem Abzug der israelischen Armee 2005 und dem Machtkampf zwischen der Hamas, die 2006 die Wahlen gewonnen hat, und der konkurrierenden Fatah eskaliert. Palästinenser:innen töten Palästinenser:innen. Für den damals Zehnjährigen sind das traumatische Erlebnisse, die Kämpfe finden rund um sein Haus statt. Geräusche, Gerüche und Bilder brennen sich ihm ein: »Jasmin und Schießpulver«, der Duft des heimischen Gartens mischt sich mit dem Gestank abgefeuerter Munition.

Als Abu Howidy die grausamen Bilder des Terroranschlags vom 7. Oktober 2023 sieht, die zeigen, wie Hamas-Terroristen Zivilist:innen in Israel brutal ermorden und verschleppen, fühlt er sich zurückversetzt in jene Kindheitsszenen der Gewalt. Für ihn bestätigt sich erneut, was er seit langem weiß: Die Hamas ist keine Befreiungsbewegung, sondern eine grausame Organisation von Unterdrückern. Ihre Opfer sind am 7. Oktober unschuldige Israelis. Ihre Opfer sind aber auch jene Palästinenser:innen, die seit Jahren unter ihrer Herrschaft leben müssen. Abu Howidy fordert Mitgefühl für die Menschen in Gaza, verweigert dabei aber jede Verharmlosung des Terrors. Er verurteilt die Gewalt gegen Israelis, ohne das Leid der Palästinenser:innen in den Hintergrund zu drängen.

Dass eine solche Einstellung schon vor dem 7. Oktober im Gazastreifen lebensgefährlich werden kann, erfährt Abu Howidy am eigenen Leib. 2019 nimmt er an einer Demonstration der Protestbewegung »Wir wollen leben« teil, die sich gegen die Hamas und die miserablen Lebensbedingungen in Gaza richtet. Er wird verhaftet und gefoltert. 2023 wagt er erneut den öffentlichen Protest. Wieder landet er in Haft, wieder wird er misshandelt. Seine Familie drängt ihn schließlich zur Flucht. Über Ägypten, die Türkei und Griechenland kommt er nach Deutschland. Noch im Flüchtlingslager von Samos in Griechenland erlangt er mit Social Media-Reels weltweit Aufmerksamkeit, weil er sich als Palästinenser gegen den Terror der Hamas vom 7. Oktober ausspricht. 

Abu Howidy stilisiert sich nicht zum Helden. Er erzählt, wie gefährlich und einsam Widerstand sein kann, wenn er weder vom eigenen Umfeld noch von den üblichen politischen Mustern gedeckt ist. Sein Widerspruch richtet sich nicht nur gegen die Hamas. Er richtet sich auch gegen die Versuchung, Gewalt lediglich anders zu begründen: nicht islamistisch, sondern nationalistisch; nicht religiös, sondern vermeintlich antikolonial. Darin liegt das Unbequeme seiner Position. Sie sprengt die scheinbar alternativlosen Haltungen, in denen auch die deutsche Debatte oft gefangen ist: propalästinensisch oder proisraelisch, Terrorverurteilung oder Besatzungskritik.

Die Stimme aus der Muschel

Der poetische Titel führt zurück an den Strand von Gaza, in eine Zeit, in der Abu Howidys Welt noch einigermaßen geordnet ist. Er stammt aus einer gut situierten Familie, der Vater ist Akademiker und Hotelbesitzer. Gaza erscheint in diesen Erinnerungen nicht nur als Ort der Zerstörung, sondern auch als Ort von Bildung, Familienleben, Meer und Kindheitsglück. Bei Ausflügen an den Strand erzählt ihm sein Vater, dass man in Muscheln das Meer hören könne. Der kleine Hamza glaubt daran, dass darin das Rauschen des Meeres als ferne Stimme gespeichert ist. Man muss nur hinhören.

Jahre später erhält Abu Howidy auf Instagram eine Nachricht von einem Israeli, dessen Klarnamen er nicht nennt, um ihn zu schützen. Es ist sozusagen eine Stimme aus einer Muschel. Zunächst ist er misstrauisch, doch er lässt sich auf das Gespräch ein. Er lernt, dass Israel vielschichtiger ist als das Bild, das ihm die Hamas-Propaganda vermittelt hat. Dass es Israelis gibt, die Besatzungs- und Siedlungspolitik ablehnen. Zugleich begreift er, wie tief die Wunden sind, die der palästinensische Terrorismus in der israelischen Gesellschaft hinterlassen hat. Diese Gespräche öffnen für ihn einen Raum, in dem Empathie nicht länger Verrat bedeutet, sondern die Voraussetzung für eine eigene politische Sichtweise.

Diese neuen Ansichten tragen dazu bei, dass Abu Howidy gegen die Hamas auf die Straße geht. Doch zugleich lassen sie ihn auch an Teilen der Opposition zweifeln. Zwar ist für ihn klar, dass die Hamas weg muss, aber was käme danach? Wenn ihre Gegner am Ende dieselben gewalttätigen Mittel gegen Israel einsetzen wollen, bloß unter anderer ideologischer Flagge, dann wäre nichts gewonnen. Wenn man Islamismus durch extremen Nationalismus ersetzt, führt das nicht zum Frieden.

Literarisch gesehen, ist »Muscheln am Strand von Gaza« eine weitgehend chronologische Erinnerungserzählung. Abu Howidy schreibt meist ohne Pathos, deutlich nüchterner, als es der poetische Titel vermuten lässt. Immer wieder reflektiert er die Momente, in denen sich die Risse in seinem Weltbild vergrößern, und er merkt, dass seine Ansichten nicht mit dem System übereinstimmen. Das geschieht nicht im Ton nachträglicher Selbstgewissheit, sondern eher mit Verwunderung, als könne er immer noch nicht glauben, dass er die Feindbilder überwunden hat. 

Wer eine politische Zukunft denken will, muss sowohl die Entrechtung der Palästinenser:innen sehen als auch den Antisemitismus der Hamas benennen.

Das Buch kann und will keine zeitgenössische Geschichte des Nahostkonflikts liefern, sondern eine Lebensgeschichte so erzählen, dass in ihr das Einzelschicksal innerhalb politischer Strukturen sichtbar wird. Abu Howidys Erinnerungen spiegeln die Lage vieler Menschen im Gazastreifen wider. Sie sind eingezwängt zwischen israelischer Kontrolle, regionaler Machtpolitik, humanitärer Not und einer Hamas-Herrschaft, die jede abweichende Stimme drangsaliert. Wer Gaza verstehen will, darf diese innere Repression nicht ausblenden. Wer Israel verstehen will, darf den Terror nicht relativieren. Und wer eine politische Zukunft denken will, muss sowohl die Entrechtung der Palästinenser:innen sehen als auch den Antisemitismus der Hamas benennen.

Die Hoffnung auf Verständigung

Besonders bedrückend ist, dass Abu Howidys Geschichte in Deutschland keineswegs einfach in Sicherheit endet. Nach den Dublin-Regeln droht ihm die Rückführung nach Griechenland. Darin liegt eine bittere Pointe: Ein Mann, der gegen eine Terrororganisation protestiert hat, der von ihr gefoltert wurde und dessen Stimme gerade in deutschen Debatten von Bedeutung sein könnte, muss um seinen Schutz bangen. Noch aber ist er hier. Und es ist bemerkenswert, dass er Deutschland als einen Ort wahrnimmt, an dem man frei denken und reden darf – auch wenn er bei Auftritten oder Demonstrationen Anfeindungen erfährt, von proisraelischer wie von propalästinensischer Seite. Seine Stimme passt in kein Lager.

»Muscheln am Strand von Gaza« zeichnet das Bild eines jungen Mannes, der sich der herrschenden Ideologie seiner Heimat entgegenstellt und sich mit der friedliebenden Bevölkerung beider Seiten solidarisiert. Abu Howidy verkörpert die Einsicht, dass die Menschen in Gaza nicht mit der Hamas verwechselt werden dürfen und dass Solidarität mit ihnen Kritik an dieser Terrororganisation einschließen muss. Zugleich verurteilt er die israelische Regierung für ihren Krieg in Gaza aufs Schärfste. Und doch steht er für die Hoffnung, dass Verständigung möglich bleibt. Man muss nur hinhören auf das Geräusch von Muscheln am Strand. 

Hamza Abu Howidy: Muscheln am Strand von Gaza. Erinnerungen an ein zerstörtes Land. Unter Mitwirkung von Judith Poppe, S. Fischer, Frankfurt a.M. 2026, 240 S., 24 Euro.

Hamza Abu Howidy, 1997 in Gaza-Stadt geboren, studierte Wirtschaft und Verwaltung an der Islamischen Universität Gaza.

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