Ausgabe Mai 2026

Gemeinschaft der Heimatlosen

Vom inneren und äußeren Exil zur neuen Handlungsmacht

Heimatverlust wird heute zu einer universellen Erfahrung: durch Kriege, die Verheerungen der Klimakrise, aufgrund wirtschaftlicher Not. aber auch durch die Enfremdung von Mitmenschen. (Foto: IMAGO / Depositphotos)

Bild: Heimatverlust wird heute zu einer universellen Erfahrung: durch Kriege, die Verheerungen der Klimakrise, aufgrund wirtschaftlicher Not. aber auch durch die Enfremdung von Mitmenschen. (Foto: IMAGO / Depositphotos)

An vielen Orten der Welt zwingt politische Verfolgung Menschen ins Exil. Doch droht Heimatverlust keineswegs nur Dissidenten. Vielmehr wird er heute zu einer universellen Erfahrung: durch die Verheerungen der Klimakrise, aufgrund wirtschaftlicher Not. Manche verlieren ihre Heimat sogar, ohne ihr Land zu verlassen: durch die Enfremdung von Nachbarn, die sich allzu leicht mit einer solchen Welt arrangieren. Höchste Zeit, nach neuen Gemeinsamkeiten zu suchen.

Im Rückblick hat nicht das dramatische politische Geschehen alles verändert, sondern ein kurzer hingehauchter Satz. Ein Telefongespräch, das gerade mal eine Minute dauerte und zur Hälfte aus Schweigen bestand. Mehr brauchte es im Herbst 2016 nicht, um mich zur Heimatlosen zu machen. Ich erzähle diese Geschichte sehr ungern. Sobald ich über meine Heimatlosigkeit und vor allem über ihre Ursachen spreche, schüttelt es mich – aus politischen, moralischen und emotionalen Gründen. Bevor ich auch nur dazu ansetze, verletzt die Angst, ich könnte wie eine um Anerkennung winselnde Geflüchtete klingen, meine Würde. 

Ich musste mein Land verlassen, um dem Faschismus zu entkommen, um schreiben, denken, einfach sein zu können. Die Inhaftierung von Leuten wie mir, sprich Regimekritiker:innen, war in der Türkei damals bereits an der Tagesordnung, und ich hatte keine Lust mehr, weitere detailreiche gegen mich gerichtete Todes- und Vergewaltigungsdrohungen zu lesen. Vor allem aber habe ich meine Heimat verlassen, weil einen der Faschismus kurioserweise dazu zwingt, ständig an Nachthemden und Pyjamas zu denken. Die Schergen solcher Systeme pflegen gegen vier Uhr morgens an die Tür zu klopfen, was bedeutet, dass man von ihnen nicht nur verhaftet, sondern je nach der Nachtwäsche, die man gerade trägt, auch bloßgestellt wird.

Als ich mich am Abend des 6. November 2016 in Zagreb – ich hatte dort eine Freundin und ein winziges Apartment – zum ersten Mal seit Jahren ins Bett legte, ohne mich um den Eindruck zu sorgen, den mein Nachtgewand auf die Polizei machen würde, beschloss ich deshalb, nicht zurückzugehen. Weil ich dort meinem ursprünglichen Plan entsprechend höchstens ein paar Tage verschnaufen wollte, hatte ich nur eine Hose, zwei T-Shirts und nicht die leiseste Ahnung, was ich als Nächstes tun sollte. Doch in größter Ungewissheit weiterzuleben und einen Neuanfang in einer fremden Sprache zu wagen, erschien mir durchaus annehmbar, verglichen mit lähmender Angst oder dem Zwang, ständig mutig zu sein. Daher der Anruf bei meiner Mutter. 

In größter Ungewissheit weiterzuleben, erschien mir durchaus annehmbar, verglichen mit lähmender Angst.

Mama und ich hatten bereits eine gewisse Übung in solchen Telefonaten. Das erste hatten wir 2011 geführt, nachdem ich meinen Job als Kolumnistin losgeworden war. Ich hatte etwas gegen den Diktator geschrieben, seine Leute waren wütend geworden, meine Zeitung hatte Angst bekommen, und ich musste bleiben, wo ich gerade war – in Tunesien. Mein Anwalt empfahl mir dringend einen langen Urlaub, der schließlich ein ganzes Jahr dauerte. Das alles musste ich meiner entsetzten Mutter erklären. Das zweite Telefonat führten wir 2013. Die Sprachrohre des Regimes vermuteten mich hinter einem gigantischen Umsturzplan und glaubten, ich hätte einen Aufstand organisiert. Wegen dieser bombastischen Beschuldigung blieb ich monatelang in London und Griechenland, und auch diesmal wollte meine Mutter die Gründe erfahren. 2016 musste ich sie dann zum ersten Mal nicht mehr überzeugen. Da sagte sie nur noch mit fester, ernst klingender Stimme: »Du bist in Gefahr, habe ich recht? Oder nicht? Doch, du bist in Gefahr. Bleib, wo du bist, flieg nicht zurück.« Danach herrschte an beiden Enden der Leitung Schweigen. 

Alles, was ich mir aufgebaut hatte, war weg

Wenn die Stimme verstummt, die dich in deiner Erinnerung immer nach Hause ruft, entsteht ein ganz eigener Schmerz – du wirst sozusagen zur Waise. Du bist wieder das plötzlich ausgesperrte Kind draußen in der Kälte, allein mit den wilden Tieren. Das Herz pumpt mit jedem Schlag eine Trauersubstanz aus sich heraus und überschwemmt damit das Gehirn. So kann man nicht überleben. 

Und deshalb traf ich nach dem Telefonat vom Herbst 2016 eine Entscheidung. Ich legte mein Herz gewissermaßen ins Gefrierfach. Meiner Vorstellung nach befand sich das Organ ab sofort im Kühlschrank. Die Beschäftigung damit wurde auf später verschoben. Um weitermachen zu können, verwandelte ich mich in ein gefühlloses, zähes Wesen, einen Überlebensautomaten. Mein Motto war simpel: «Kein Selbstmitleid! Keine Verletzlichkeit!» Für Sentimentalität hatte ich keine Zeit. Ich entwickelte eine Abneigung gegen Zerbrechlichkeit jeder Art und erledigte verbissen, was erledigt werden musste. Alles, was ich mir aufgebaut hatte, war weg; jetzt, in einem späteren Lebensabschnitt, musste ich es mir neu aufbauen, nur diesmal in der Fremdsprache Englisch und in einem fremden Land. 

Erst wenn sich mein Leben als Erfolg erweisen würde, dürfte ich wieder menschlich sein. Doch sobald man seine Heimat verliert, wird Erfolg – genau wie das Wort später – vieldeutig und grenzenlos, unerreichbar. Wer ohne Heimat ist, verliert die Kontrolle über die Zeit, und der eigene Wert wird zum Diskussionsgegenstand, über den entweder die Menschen im neuen Land oder eine imaginierte höhere moralische Autorität im alten entscheiden. Das Leben wird zum endlosen Countdown. 

Um die Leere zu füllen, die mein Herz zurückgelassen hatte, produzierte ich am laufenden Band Ideen und schrieb und sprach wie eine Getriebene über Politik. Jahre vergingen. Ich tourte durch die Welt und warnte die Leute, dass der Faschismus näherkomme und auch sie ihre Heimat verlieren würden. 

Nachdem ich sieben Jahre öffentlich über Logik, Mechanismen und Hintergründe von Politik geredet hatte, war aus mir, dem Niemand im fremden Land, ein Jemand geworden: diese türkische Autorin, die über Faschismus spricht. Manche Leute nahmen meine Worte so auf, wie sie gemeint waren – als Blick in ihre Zukunft –, doch andere konzentrierten sich lieber auf mein Dasein als Exilantin. Die Geschichte von der verfolgten intellektuellen Unschuld, die sich auf der Flucht vor den Barbaren in die Arme zivilisierter Menschen rettet, reizte sie offenbar zu sehr – oder die Vorstellung von ihrer Heimat als sicherem Hafen beruhigte sie und gab ihnen das Gefühl, geschützt zu sein. 

Es gibt tausend Möglichkeiten, die Heimat zu verlieren

Ich hatte zwei Bücher geschrieben und mehrere Preise erhalten und hätte eigentlich zufrieden sein müssen, doch plötzlich sagte ich mir ständig: »Ich bin nicht müde, höchstens ein bisschen. Ich bin nur etwas erschöpft.« Weil das Eingeständnis, im Später angekommen zu sein, unerträglich gewesen wäre, tat ich, was ich am besten konnte. Ich machte weiter, blieb im Überlebensmodus. Bis mein Körper am Ende war. 

An einem Sommerabend 2022 liegt eine Frau mit einer Infusionsnadel im Arm auf einer Liege im Behandlungszimmer eines Hamburger Arztes alter Schule. Das Gefühl, ich zu sein, weicht aus meinem Körper, und zurück bleibt eine sie, die ich kaum kenne. Und diese sie schaut der Infusionslösung dabei zu, wie sie in ihre Vene tröpfelt. Bei dem Arm handelt es sich um meinen, nehme ich an, und die Frau müsste ich sein. Doch wegen der Dissoziation, die alle Überlebenden durchmachen, betrachte ich sie wie eine Nebendarstellerin in einem Film, wie eine Figur, die zu unwichtig ist, als dass man sich in sie einfühlen könnte. 

Der Arzt sagt: »Ihr Körper kann nicht mehr. Sie sind krank vor Heimweh, meine Liebe. Hören Sie sofort auf und kümmern Sie sich um Ihr Herz!« Voller Abscheu vor der Verletzlichkeit des Körpers und voller Scham angesichts dieser schwachen Versagerin flüstere ich: »So eine Scheiße! So eine Scheiße!« Während das Leben in meine Adern zurücktropft, kehre ich nach und nach wieder in meinen Körper zurück, denke aber nur noch verbittert: Dieses verfluchte Herz soll ich auftauen? Dieses wahrscheinlich längst vergammelte Stück Fleisch? Wer weiß, wie eklig es inzwischen aussieht! Das war ich im Sommer 2022. Nach sechs Jahren Heimatlosigkeit musste ich zugeben, dass ich kaputt war. Höchste Zeit, innezuhalten, über meine Heimat nachzudenken und über alles, was ich verloren hatte. 

Wer ohne Heimat ist, verliert die Kontrolle über die Zeit, und der eigene Wert wird zum Diskussionsgegenstand.

Aber genug von mir. Wie ist das mit Ihnen? Sind Sie zu Hause? Fühlen Sie sich daheim? Warten Sie, sagen Sie nichts! Lassen Sie mich raten. Schließlich gibt es heutzutage tausend Möglichkeiten, die Heimat zu verlieren. 

Die einen verlieren sie an einem langen, dunklen, nassen Abend. Sie tragen plötzlich eine orange Weste und besteigen zusammen mit anderen hektisch ein Boot. Dann ertappen sie sich dabei, wie sie seltsame Dinge tun: Sie erinnern sich an längst vergessene Gebete und stoßen sie flüsternd hervor, rufen wie verwundete Soldaten nach ihren Müttern, umarmen bei jedem harten Brecher den nächstbesten fremden Menschen, reißen auf einmal Witze, die umso besser sind, je schwärzer der Humor ist, der aus ihnen spricht, und danken Seenotretter:innen auf Italienisch, Griechisch oder Türkisch – Sprachen, die sie überhaupt nicht beherrschen. Bei der Ankunft fragen sie: »Lebe ich noch?«, und ihre Gesichter gehen für immer entzwei – in eine lachende und eine weinende Hälfte.

Andere, darunter auch ich, kaufen ein Flugticket und reden sich ein, sie wären aus freiem Willen Geflüchtete, privilegierte Migrant:innen oder coole Nomad:innen, die kein Recht auf Traurigkeit hätten. Immer wieder sagen wir stolz: »Nein, ich empfinde mich nicht als Exilantin. Das Leben ist eine lange Reise, und das hier nur ein Abschnitt.« Dem Thema Heimat weichen wir so weit wie möglich aus. Und wenn es unvermeidbar ist, setzen wir ein gut geübtes schiefes Lächeln auf und hoffen, ansprechend genug zu wirken, um in der Fremde aufgenommen zu werden. Dieses Lächeln behalten wir so lange bei, dass unsere Gesichtsmuskeln ihre einstige Form verlieren. 

Manche werden plötzlich aus ihren Wohnungen vertrieben, als gäbe es auf dem ganzen Planeten kein einziges Zimmer für sie. Sobald sie auf der Straße leben, erregen ihre Körper Verdacht, Ekel und Angst, und niemand kommt ihnen nahe genug, um diese Eindrücke revidieren zu können. Der Tag wird länger, denn für die Erfüllung jedes körperlichen Bedürfnisses braucht es jetzt eine eigene Strategie – einen Kaffee trinken, eine Stelle zum Pinkeln finden, einen sicheren Schlafplatz organisieren. Die Stadt verwandelt sich in einen gefährlichen Dschungel mit nur verschwindend wenigen Menschen, auf die sich die Vertriebenen beim Überleben verlassen können. Auf die warten sie Tag und Nacht. Und wenn diese Menschen kommen, ermahnen sich die Vertriebenen, nur ja genug Dankbarkeit zu zeigen. Und imitieren automatisch das Lächeln derer, die schlafen, wo sie zu Hause sind. 

Wir setzen ein gut geübtes schiefes Lächeln auf und hoffen, ansprechend genug zu wirken, um in der Fremde aufgenommen zu werden.

Manche rechnen sich aus, wann das ansteigende Meer oder der nächste Flächenbrand ihr Land verschlingen und sie heimatlos machen wird. Sie sehen zu, wie das Wasser oder die Flammen Jahr für Jahr, Zentimeter für Zentimeter weiter vordringen. Der Planet, diese tickende Bombe, wird zu ihrer Sprengstoffweste. Weil sie wissen, dass die anderen den Verlust nicht begreifen, bemühen sie sich, ihnen die Wahrheit auf möglichst gefällige Art beizubringen, und suchen mit schmerzhaft verkrampften Wangen das passende Lächeln, um ihnen mitzuteilen, dass diese Welt bald am Ende sein wird. 

Andere verlieren ihre Heimat auf einer Reise, die unsichtbar ist. An einem gemütlichen, warmen Abend in unseren Wohnzimmern informieren die Fernsehnachrichten über den jüngsten Wahnsinn in unserem Land – Faschisten, deren Zahl zunimmt, beanspruchen unsere Heimat für sich. Oder die extreme Ruchlosigkeit eines politischen Anführers gilt plötzlich sogar in unserem Freundeskreis als normal. Dann tut sich tief in unserem Zugehörigkeitsgefühl ein Riss auf, der eines Tages als ein Satz voller Weh zum Ausdruck kommt: »Ich erkenne meine Heimat nicht wieder – das ist nicht mehr mein Land!« Dann vermissen wir unser Land, obwohl wir weiterhin darin leben. Und bei jeder Begegnung mit unseren Mitbürger:innen, die immer noch glauben, dass alles bald wieder normal sein wird, verziehen wir unseren Mund zu einem höflichen, starren Lächeln. 

Wir erfahren durch unsere Smartphones oder aus den Nachrichten, dass eine neue Welt mit einem neuen Niveau an Unmenschlichkeit entsteht, und erkennen, dass selbst die enorme Gefühllosigkeit, die wir uns notgedrungen angewöhnt haben, um mit der stetig wachsenden Menschenverachtung fertigzuwerden, nicht mehr genügt. Auf unsere beharrlichen Gedanken – »Eines Tages, ihr werdet schon sehen!« oder »Die Geschichte wird über sie richten!« – legt sich der Schatten des Zweifels. Wir haben Angst, dass es nicht mehr genug Zukunft geben könnte, um für Gerechtigkeit zu sorgen. In unseren Mündern gärt ein Satz: »Diese Welt kenne ich nicht und will sie auch gar nicht kennen.« Ab dann ist unser Lächeln verhalten und müde. 

Erkennen Sie Ihr Lächeln in den oben geschilderten Gesichtern wieder? Nein? Noch nicht, vielleicht. Aber die neue Melancholie haben Sie garantiert schon gespürt. 

Es liegt eine Traurigkeit in der Luft. Sie ist noch schwach, aber real. Als würden wir nicht das betrauern, was schon verloren ist, sondern das, was wir ganz sicher verlieren werden. Zum ersten Mal in der Geschichte trauert die Menschheit im Tempus der Zukunft. 

Doch noch ist nicht alles Schöne verschwunden. Einiges existiert nach wie vor – Zitronenbäume, die Mittelmeerküsten im Frühling, beschwipste Sonntagnachmittage, ein bisschen Rechtsstaatlichkeit hier und da und viele mutige Frauen, die noch laut genug sind, um faschistischen Anführern Albträume zu bereiten. Es gibt noch Erstaunliches, Freudiges, Magisches. Aber seit einiger Zeit legt sich etwas auf unsere Netzhaut, eine Schicht aus Melancholie. Unsere Augen nehmen sie schon wahr; alles Schöne trägt den Stempel künftigen Verlusts. Trotzdem arbeiten wir weiter, handeln, leisten sogar weiter Widerstand. Doch das Wissen ist da. Unsere Lebensfreude, unser Grundvertrauen in das Leben sind erschöpft. Alle imitieren nur noch ihr früheres Ich, das in Zeit und Raum zu Hause war. Auf der Gegenwart liegt ein ganz eigener Schmerz. Wir sind alle ein bisschen wie Kinder – von niemandem nach Hause gerufen, ausgesperrt in der Kälte, allein mit den wilden Tieren. Bei jedem Schlag erstarrt das Herz. Deshalb beschließen tagtäglich viele, zu viele, gefühllos zu werden, um als Überlebensautomat weitermachen zu können. Die Zeiten lassen alles Menschliche verwaisen. Es entsteht eine kaltschnäuzige Welt; sie wird Leuten wie Ihnen und mir die Heimat rauben. 

Die Zeiten lassen alles Menschliche verwaisen. Es entsteht eine kaltschnäuzige Welt; sie wird Leuten wie Ihnen und mir die Heimat rauben.

Diese ganz neue Melancholie ist der Schmerz über den Heimatverlust, der sich auf unterschiedlichen Ebenen und in vielen Bereichen vollzieht. Und deshalb suchen wir alle, jeder Mensch auf seine Weise, manchmal fast unwillentlich eine neue Heimat. Wenn seine moralischen Grundwerte der kalten Grausamkeit der neuen Weltordnung nicht gewachsen sind, ist der Mensch moralisch unbehaust. So wie Obdachlose ihre Habe in Einkaufswagen transportieren, bringen wir unsere moralischen Werte von einer Notunterkunft in die nächste, damit sie in dieser langen Nacht der Unmenschlichkeit vorübergehend Zuflucht finden. Wir bilden kleine Communitys, die unser Herz schützen sollen, knüpfen komplexe menschliche Bindungen als emotionales Dach über unserem Kopf. 

Eine imaginierte neue politische Heimat

Da die traditionellen Horte der Realpolitik, die politischen Parteien, unsere politische Empörung als belanglos erachten, sind wir auch in politischer Hinsicht heimatlos. Wir kennen kein politisches Medium mehr, mit dessen Hilfe wir unsere Stimmen vereinen könnten, damit die Machthaber sie hören. Wie Geflüchtete halten wir uns an behelfsmäßigen Orten auf – in Protestzelten, Streikzelten oder Zelten von Occupy Wall Street. Bei großer Kälte und unter brennender Sonne imaginieren wir wieder und wieder eine neue politische Heimat – wie ein Mensch im Exil, der weiß, dass er nicht in die alte Heimat zurückkehren kann, dem aber irgendeine Heimat noch fehlt. 

Und natürlich werden Millionen Menschen jeden Tag physisch heimatlos. Krieg, wirtschaftliche Ungleichheit, die Klimakatastrophe und der Drang, frei zu sein – oder überhaupt zu sein – , bringen Abertausende dazu, in einem neuen Land ein neues Leben zu beginnen. Wie die Wissenschaft berichtet, werden bis zum Jahr 2050 annähernd 1,5 Milliarden Menschen weltweit ihre Heimatländer verlassen müssen, und bis 2070 wird es drei Milliarden Geflüchtete geben. Diese Milliarden von Menschen werden dann ähnlich wie die moralisch und politisch Heimatlosen auf der Suche nach einer neuen Heimat sein und täglich neue Wege finden, um den Demütigungen der Gegenwart erhobenen Hauptes zu begegnen. Gehen solche Analogien für Sie in Ordnung? Ich frage, weil man heutzutage beim Lavieren zwischen den Elektrozäunen der neuen Empfindlichkeiten nicht vorsichtig genug sein kann. Der Blick auf uns und andere wird seit geraumer Zeit nicht von den Gemeinsamkeiten, sondern von den Unterschieden zwischen uns bestimmt. Die übersteigerte Einzigartigkeit jedes Individuums rückt Gleichsetzung in die Nähe des Anstößigen. Dabei müssten wir in einer Zeit wie dieser, in der so viele draußen in der Kälte bei den Monstern sind, neue Zugehörigkeiten bilden. Das wird nicht klappen, solange wir die Differenzen zelebrieren; das geht nur mit einem Blick für die Ähnlichkeiten. 

In Zeiten wie diesen müssten wir neue Zugehörigkeiten bilden, anstatt Differenzen zu zelebrieren.

Deshalb sage ich es, auch wenn es riskant ist. Wir alle verlieren unsere Heimat, so oder so. Wir alle werden heimatlos. Uns allen wird die Heimat genommen. Selbst wer noch in seiner Heimat lebt, wird sich von ihr getrennt, nicht zu ihr gehörig – wird sich wie eine Fremde, ein Fremder fühlen. Wenn Sie dazu bereit sind, sich die Welt anzusehen und dieses Wir darin zu entdecken, stellt sich die Frage: Wer sind wir?

Wie sollen wir uns nennen? 

Ich mag das Wort Fremde:r. Als Fremde:r ist man beides, drinnen und draußen. Man ist da, aber nicht ganz. Man ist zwar niemand, hat aber die grenzenlose Möglichkeit, irgendwer zu sein. Fremde:r zu sein, ist ein Mittel gegen die Beschränkungen des Jemand-Seins. Es ist keine schmälernde oder endgültige Bezeichnung wie Heimatlose, Exilant oder Geflüchtete. Der Begriff Fremde:r weckt sofort eine natürliche Neugier und löst bei Menschen, die noch nicht mit der Angst vor dem Fremden vergiftet sind, die Bereitschaft aus, Fremde freudig willkommen zu heißen. Sollen wir uns also als Menschen bezeichnen, die, jeweils auf eigene Art, Fremde sind? Das Prinzip Fremde:r schließt automatisch alle mit ein, die die Gegenwart zu sehr befremdet, als dass sie sich an ihren Ungeheuerlichkeiten beteiligen würden, alle, die sich in diesen Zeiten irgendwie heimatlos fühlen. 

Der Blick durch das große Objektiv der Fremden ist schmerzlich, erfreut aber auch, denn er zeigt, wie viele wir sind. Sie und ich und all die anderen könnten vielleicht sogar als ein Volk gelten, als eine über Grenzen hinweg existierende wachsende Population. Wir sind eine Nation im Werden. Eine mobile Nation aus abgesonderten, versprengten, trauernden Wesen, die sich ihr Leben Tag für Tag aus nichts wiederaufbauen. Wir sind viele – so viele, dass wir zusammengenommen vielleicht sogar die Mehrheit ergäben. Allerdings nur, wenn wir es aussprechen, so wie es Breyten Breytenbach tat. Unsere dahintreibende, seltsame, stille Existenz wird sich nie in Raum und Zeit verankern, wenn wir uns nicht als das bezeichnen, was wir sind. Wir sind die Nation of Strangers – die Nation der Fremden. 

Menschlich bleiben, obwohl alles gegen uns läuft

Eine merkwürdige Nation – noch im Entstehen begriffen, während die Nationalstaaten so tief gesunken sind, dass sie von den Herrschern der Welt als Immobilienschnäppchen betrachtet werden. Und die entstehende neue Weltordnung bewirkt, dass unsere Bevölkerung wächst. Wir mögen verwirrt, gebrochen, vielleicht voller Melancholie sein, aber wir sind auch Überlebenskünstler:innen. Wir lächeln zwar nur verhalten, sehen uns aber ständig die alten Fotos an, um unser früheres Lachen nie zu vergessen. Wir sind zwar nicht reich, besitzen aber die notgedrungen erlangte Fähigkeit, an uns zu glauben, wenn keiner sonst uns etwas zutraut. Wir wissen zwar nicht genau, wer wir nach dem Verlust unserer Heimat geworden sind, bringen aber jeden Tag wieder den Mut auf, als Niemande weiterzuleben. Wir wissen, was einen Menschen bricht, jeden Menschen: nicht der Verlust der Heimat, sondern der Verlust der Zuversicht, die nötig ist, um eine neue Heimat aufzubauen. Wir sind zwar eine Nation der halbgefrorenen Herzen, wissen aber, wie man ohne Orientierung überlebt. Und als Heimatlose, die die Fähigkeit entwickelt haben, noch die kleinste atmosphärische Veränderung wahrzunehmen, ist uns schon jetzt klar, dass viele weitere Menschen bald lernen werden, zu leben wie wir. 

In einer Zeit, in der so viele auf der Flucht sind, können wir, die Nation of Strangers, weitergeben, was wir nach dem Verlust unserer Heimat gelernt haben. Wenn in naher Zukunft die Überlebensmoral der ganzen Menschheit auf den Prüfstand kommt, können wir vermitteln, was wir am intensivsten eingeübt haben: menschlich zu bleiben, obwohl wir nichts haben und alles gegen uns läuft. Wenn sich alle Fremden der Welt einig sind und in ihrer eigenen seltsamen Sprache sprechen, können sie allen anderen von deren eigener Heimatlosigkeit erzählen, können erzählen, wie man sie würdevoll übersteht und wohin es als Nächstes geht. 

Dieser Beitrag basiert auf dem Buch der Autorin »Nation of Strangers. Unsere Heimat sind wir«, das jüngst im Rowohlt Verlag erschienen ist.© Rowohlt Verlag GmbH

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