Ausgabe September 2026

Der Fall Spahn: Die Moral von Markt und Macht

Die Silhouette einer Schwangeren (IMAGO / Zoonar)

Bild: Die Silhouette einer Schwangeren (IMAGO / Zoonar)

Die Nachricht, dass der ehemalige Fraktionsvorsitzende der Union Jens Spahn und sein Mann, Daniel Funke, mit Hilfe einer Leihmutter in den USA Eltern geworden waren, sorgte Mitte Juli bei vielen für Empörung. Bei dem, was eine breite Öffentlichkeit mit Blick auf die »Causa Spahn« als Doppelmoral diskutierte, geht es um nichts anderes als die Logik, dass sich die Macht von Politik und Geld über Recht und Regeln erhebt. 

In Deutschland dürfen Ärzt:innen und Agenturen laut geltendem Recht – dem Embryonenschutzgesetz – keine Eizellentnahme1 und Leihmutterschaft vermitteln oder herbeiführen. Nicht verboten ist dagegen, dass deutsche Staatsbürger:innen diese Dienstleistungen im Ausland erwerben. Genauso wenig wie die seit 2017 regelmäßig in Berlin und Köln stattfindenden Babywunsch-Messen, wo die immer zahlreicheren Anbieter aus aller Welt die immer breiter werdende Palette von Reproduktionstechnologien bewerben und damit den Reproduktionstourismus ankurbeln. Allerdings muss eine auf diesem Weg erworbene Elternschaft in Deutschland nachträglich rechtskräftig anerkannt werden, damit die »Bestelleltern« das im Ausland geborene Wunschkind in ihren Pass eintragen und »einführen« dürfen. Kalifornien bildet dabei eine Ausnahme. Die dort bestellte und mit 150 000 US-Dollar oder mehr teuer bezahlte Elternschaft wird in Deutschland problemlos anerkannt. Genau diese Fünf-Sterne-Leihmutterschaft nahm das Ehepaar Spahn-Funke wahr.

Dabei hatte die CDU das Verbot der Leihmutterschaft auf ihrem Parteitag im Februar dieses Jahres gerade erst bestätigt. Und Spahn hat die konservative herrschende Moral bisher stets unterstützt. 2015 distanzierte er sich »als schwuler Mann und Christ« von der »Idee eines gemieteten Mutterbauchs«, 2020 wandte er sich im Namen des Kindeswohls gegen entsprechende Liberalisierungsforderungen der FDP. Spahn legte als eigennütziger neoliberaler Homo oeconomicus zudem stets eine harte Männlichkeit an den Tag, bei seinem Versuchslauf zur Kanzlerkandidatur und als Gesundheitsminister wie auch beim Kauf und Verkauf teurer Immobilien und einmal mehr bei Maskendeals und Spenden-Dinner während der Coronapandemie. Zugleich lehnt er die Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs ab und war maßgeblich am Scheitern der Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf zur Richterin am Bundesverfassungsgericht beteiligt – eben wegen ihrer liberalen Haltung zur Abtreibung. Entsprechend seiner konservativen Grundhaltung gegen die reproduktive Autonomie von Frauen sprach er sich 2014 auch gegen die »Pille danach« aus und bezeichnete diese als »Smarties«. Er plädierte zwar für die »Ehe für alle«, engagierte sich aber nicht für andere Familienmodelle jenseits der heterosexuellen Kleinfamilie. 

Nun aber reklamiert er als Eliteangehöriger in Sachen reproduktive Rechte genau die Selbstbestimmung für sich, die er Frauen abspricht. Offenbar begreift Jens Spahn sich und seinen Kinderwunsch als Ausnahme von der Regel und erfüllte sich dank transnationaler Reproduktionsmärkte und globaler Mobilität das Begehren nach einem »eigenen« Kind. Damit aber setzte Spahn sich mit seiner individuellen Entscheidung und seinen Freiheitsansprüchen über die Regeln des deutschen Staates, demokratische Beschlüsse und die eigene Parteipolitik hinweg. Entscheidend sind sein Wille und seine Kaufkraft. Er kann es sich wortwörtlich leisten. Warum sollte es ihn interessieren, dass die meisten Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch die Summe für die Leihmuttervermittlung in den USA nicht aufbringen können? Das dicke Finanzpolster und die Reproduktionsindustrie mit ihrer transnationalen Logistik machen’s möglich. 

Durch das Bekenntnis zur Familie adeln die Eltern ihr regelwidriges Verhalten.

Dafür hat das prominente Ehepaar Rechtfertigungen parat. Spahns Ehemann Daniel Funke, der genetische Kindesvater, zitiert den »großen Franz Beckenbauer« als moralische und religiöse Autorität: »Der liebe Gott freut sich über jedes Kind.« Die »Mietmutter« – um bei Spahns Terminologie zu bleiben – würde Wertschätzung erfahren, zum einen durch Vermittlungsagenturen, die prüfen, ob sie in »gefestigten« Bedingungen lebt, zum anderen, weil sie nun »quasi« zur Familie gehöre und Sohn Georg weiterhin begleiten solle. Wie – das lässt das Elternpaar offen. Aber es ist ihm offenbar wichtig, ein persönliches Verhältnis zur Leihmutter, die nicht die genetische Mutter ist, zu demonstrieren und den Eindruck reproduktiver Ausbeutung nicht aufkommen zu lassen. Von der genetischen Mutter, der Eizellgeberin, ist hingegen nicht die Rede. Außerdem zeigt der harte Spahn Gefühl. Er ist in seinen Sohn Georg »schockverliebt« und überglücklich, »Familie zu sein«. Durch das Bekenntnis zur Familie adeln die Eltern ihr regelwidriges Verhalten. Familiengründung geht über Recht und Regeln, der individuelle Zweck heiligt die Mittel und den Markt.

Imperiale Reproduktionsweise

Hier soll schwulen Männern keineswegs ein Kinderwunsch oder die Befähigung zu kompetenter Elternschaft abgesprochen werden, wie dies von rechtskonservativer Seite oft geschieht. Doch ein Anspruchsrecht auf ein »eigenes« Kind ist bei hetero- wie homosexuellen Personen – um Eva von Redeckers Begriff aufzunehmen – ein »Phantombesitz« oder Phantomrecht, was es noch nie gegeben hat. Reproduktionsregime werden jedoch ständig rekonfiguriert, Märkte expandieren. Nicht nur, dass Elternwünsche von queeren und älteren Personen sowie verschiedenste Formen von Patchworkfamilien zugenommen haben, gleichzeitig hat sich die Reproduktionsindustrie mit einem transnationalen Handel von Biomaterial, Pharmazeutika, Daten und entsprechenden Lieferketten zu einem immer profitableren Geschäftsmodell entwickelt. Der Amazon-Modus ist durch Digitalisierung und Datafizierung, also die immer umfassendere Nutzung von Daten aus digitalen Quellen, perfektioniert worden. Die Grundstrukturen des flexiblen Geschäftsmodells sind jedoch gleichgeblieben.2 Die medizintechnische Realisierung des Kinderwunsches finanziell entsprechend ausgestatteter Menschen ist nicht einfach eine technische Lösung für ein gesellschaftliches Problem. Die Fortpflanzungstechnologien sind längst Teil einer Bioökonomie, die durch die Kommodifizierung und Ausbeutung der Körper und die Sorgearbeit anderer funktioniert. Leihmütter erhalten für ihre reproduktive Arbeit lediglich 10 bis 20 Prozent der Summe, die Bestelleltern an Agenturen, Kliniken und andere Zuarbeitende im Paket zahlen. Mit ihren biomedizinischen und reproduktionstechnologischen Angeboten und Package Deals zur Weiterverwendung nicht genutzter Eizellen und Embryonen steuern die Reprounternehmen die Wachstumsbranche. Laut einer UN-Studie lag der Wert des Leihmüttermarktes 2023 bei 15 Mrd. US-Dollar, in zehn Jahren sollen es mehr als 100 Mrd. Dollar sein.

Reproduktion ist hier kein Tauschgeschäft von freien und gleichen Marktakteuren. Die ökonomische Ungleichheit zwischen den Bestelleltern aus den globalen Mittelschichten, überwiegend aus dem Globalen Norden und aus China, und den Auftragnehmerinnen, überwiegend aus dem Globalen Süden und ärmeren sozialen Klassen, ist entscheidend. Armut und prekäre Lebensbedingungen nötigen die Leihmütter, gegen einen Lohn die Verfügung über ihren Körper für neun Monate plus Vorbereitungszeit abzutreten, tiefgreifende medizinische Interventionen zuzulassen, sich als Gefäß herzugeben und Geburts- und Trennungsschmerzen hinzunehmen. Wohlstand und Kaufkraft erlauben es dagegen den Bestelleltern, sich gegen Bezahlung das Biomaterial und die reproduktive Arbeit der Frauen anzueignen. Hier liberalistisch von Selbstbestimmung der Körperleiharbeiterinnen zu sprechen, ist eine westlich hybride, koloniale Perspektive. Tatsächlich ist diese Aneignung – in Anlehnung an Ulrich Brands und Markus Wissens Begriff der »imperialen Lebensweise« – eine imperiale Reproduktionsweise.

Vor zehn Jahren war Indien die bedeutendste internationale Drehscheibe für Leihmutterschaft. Doch nachdem Leihmutterschaft in Indien für ausländische und gleichgeschlechtliche Paare verboten wurde, wanderten die »Repropreneurs«, wie die Leihmutterschaftsforscherin Amrita Pande die Fortpflanzungsunternehmer:innen nennt, in andere asiatische Länder wie Nepal, Thailand, Kambodscha und Laos ab. Eine neue reproduktive Drehscheibe entstand vorübergehend in der Ukraine und verlagerte sich nach Kriegsbeginn nach Georgien. Gleichzeitig wurden preisgünstige Standorte in Kenia und Ghana aufgebaut. Die Ukraine wirbt allerdings weiterhin damit, dass hier keine Altersbegrenzung für Eizelltransfer besteht. In Tschechien und Polen werden nur verheiratete »unfruchtbare« Frauen reproduktionsmedizinisch behandelt, in Nordzypern und Spanien auch Singles und gleichgeschlechtliche Paare. 

Qualitätssteigerung und Superkinder

Der gesamte Baby-Produktionsprozess ist fragmentiert und selektiv, um die Qualität des lebendigen Produkts zu optimieren. Auch ohne Fotos von Spahns Baby wäre es kaum vorstellbar, dass dieses dunkelhäutig oder körperlich eingeschränkt ist oder eine ostasiatische Augenform hat. Passgenauigkeit, das »Matching« von Haut-, Haar- und Augenfarbe sind wie der IQ entscheidende Kriterien für die Auswahl der Eizelllieferantin per Katalog. Eizellgeberinnen werden je nach sozialer und ethnischer Herkunft und IQ unterschiedlich entlohnt. Präimplantations- und pränatale Diagnostik, das Aussortieren und auch das Abtreiben normabweichender Embryos sollen ein gesundes Kind garantieren. Zudem bieten die USA, Albanien, Thailand und Mexiko Geschlechtsselektion an. Sexistische, rassistische und eugenische Faktoren sind bereits in die technischen Verfahren eingebettet.

Sexistische, rassistische und eugenische Faktoren sind in den Baby-Produktionsprozess eingebettet.

Selektion und genetische Optimierung der Prozesse korrespondieren mit pronatalistischen Biopolitiken in den USA, wo Trump und die Tech Bros aus dem Silicon Valley weißen, intelligenten Nachwuchs anstreben. Die Tech-Unternehmer Peter Thiel und Sam Altman investieren in Biotechfirmen, die mit Reproduktionstechnologien, künstlichen Gebärmüttern und künstlichen Keimzellen experimentieren, um »Designerbabys« herzustellen. Auch die Langlebigkeits- und transhumane Forschung wollen die Reproduktion, das Leben und Sterben, nicht länger der Natur überlassen.

Die Funktionslogik der Macht

Derweil hat der Fall Spahn die Kontroverse zur Liberalisierung von Leihmutterschaft erneut angefacht. Die Liberalisierungsbefürworter:innen, ob hetero- oder homosexuell, argumentieren wie in früheren Debatten aus einer Position der Überlegenheit und folgen damit einer imperialen Reproduktionsweise: Die Selbstbestimmung der an Kinderlosigkeit Leidenden wird als Priorität gesetzt, der sich die Rechte, die körperliche Integrität und Würde der »Anderen« unterordnen müssen. Dabei geraten die Eizellgeberin und die Leihmutter mit ihren jeweiligen Kontexten aus dem Blick. Sie werden zu käuflich zu erwerbenden Produktionsmitteln, zur Zulieferin von Biomaterial oder zum Gefäß zur Produktion des Wunschbabys.

Immer wieder wird in der Debatte der Vorschlag altruistischer Leihmutterschaft als eine Teilliberalisierung ins Spiel gebracht. Eine Sachverständigenkommission zur reproduktiven Selbstbestimmung und Fortpflanzungsmedizin befand jedoch 2024, dass zwar die Eizellabgabe unter engen Voraussetzungen ermöglicht werden könnte, aber die altruistische Leihmutterschaft wegen des Risikos der Kommerzialisierung verboten bleiben sollte, mit eventuellen Ausnahmen bei verwandtschaftlichen Beziehungen.

Während queere Personen die Reproduktionsmedizin nutzen wollen, um normierende »natürliche« Prozesse aufzubrechen, beharren die AfD und konservative Gruppierungen wie der islamophobe, queer- und transfeindliche Verein Frauenheldinnen auf der binären Geschlechterordnung und verurteilen prinzipiell die Elternschaft von schwulen Paaren. Der Verein fordert ebenso wie das rechtspopulistische Netzwerk Citizen Go, dass »Menschenhandel« durch Leihmutterschaft – wie in Italien – auch dann bestraft werden soll, wenn die Bestelleltern im Ausland ein Baby haben austragen lassen. Dagegen kritisieren die Feministische Initiative gegen reproduktive Ausbeutung (fem*ini) und das Gen-ethische Netzwerk aus feministischer Sicht zum einen die Vermarktung der Reproduktion, die Reduktion der Frauen auf ein Gefäß und die genetische Qualitätsoptimierung, zum anderen betonen sie die reproduktive Arbeit der Leihschwangeren und den Extraktivismus von Ressourcen und Sorgearbeit. Schließlich sei die Erfüllung des Kinderwunsches auch durch Patchworkfamilien und soziale Elternschaft ohne Vermittlung durch Reproduktionsunternehmen und transnationale Märkte möglich.

Für Spahn bedeutet der Rücktritt vom Fraktionsvorstand zwar einen Karriereknick, aber kein Karriereende, denn er will sein gutdotiertes Bundestagsmandat behalten. Seine privilegierte Situation ist nicht vergleichbar mit einer Mutter oder Alleinerziehenden, die zwischen Care-Arbeit und prekärem Job hin- und hersprinten muss. Durch den Regelverstoß hat Spahn die Durchsetzungsfähigkeit des neoliberalen Alpha-Mannes nur bestätigt. Die Funktionslogik von Macht konstruiert mit Hilfe des Markts eine eigene Moral. Dieser Vorgang ist Wasser auf die Mühlen des neuen konservativen Familismus und Pronatalismus. Spahn kann darauf setzen, dass sein Regelbruch in ein paar Jahren als moralisches Kavaliersdelikt gilt und seiner politischen Karriere keinen Abbruch tut. 

1 Der verbreitete Begriff »Spende« führt in die Irre, weil die Eizellabgabe bezahlt wird.

2 Christa Wichterich, Gekaufte Mutterschaft. Das globale Geschäft mit dem Kinderwunsch, in: »Blätter«, 10/2018, S. 113-120.

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