Ausgabe Januar 2026

Ukraine: Zwischen Korruption und Diktatfrieden

Wolodymyr Selenskyj bei der Verleihung des Internationalen Karlspreises zu Aachen an ihn und das ukrainische Volk, 14.5.2023 (IMAGO / Kirchner-Media)

Bild: Wolodymyr Selenskyj bei der Verleihung des Internationalen Karlspreises zu Aachen an ihn und das ukrainische Volk, 14.5.2023 (IMAGO / Kirchner-Media)

Anfang Dezember herrschte rege Pendeldiplomatie, während die Bombardierung ukrainischer Städte und die russischen Vorstöße an der Front unvermindert weitergingen. Obwohl völlig unklar ist, ob der im November bekannt gewordene US-»Friedensplan« auch nur zu einem Waffenstillstand führen kann, steht fest: Das in wesentlichen Zügen russischen Forderungen entsprechende Dokument kam für die Ukraine zu einem denkbar ungünstigsten Zeitpunkt, denn Mitte November erschütterte ein Korruptionsskandal im Energiesektor das Land, der bis ins unmittelbare Umfeld des Präsidenten reicht.

Der Skandal dürfte das Vertrauen der Bevölkerung in Wolodymyr Selenskyj dauerhaft beschädigt haben. Noch im Sommer hatte dieser die Arbeit der unabhängigen Antikorruptionsbehörden NABU und SAP – die mit Hilfe der EU nach 2014 ins Leben gerufen worden waren – mit Verweis auf vermeintlichen russischen Einfluss der Generalstaatsanwaltschaft unterstellen und so schwächen wollen. Erst nach zu Kriegszeiten beispiellosen Protesten gab Selenskyj diesen Plan auf. Im Lichte der aktuellen Korruptionsaffäre legt das Verhalten des Präsidenten vom Sommer indes nahe, er sei zumindest teilweise eingeweiht gewesen und habe seine Vertrauten, allen voran den mutmaßlichen Drahtzieher, seinen ehemaligen Geschäftspartner Timur Mindich, schützen wollen.

Innenpolitisch hat sich Selenskyj durch die Entlassung seines Präsidialamtschefs Andrij Jermak Ende November kurzfristig Luft verschafft.

»Blätter«-Ausgabe 1/2026

Sie haben etwa 10% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 90% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (2.00€)
Digitalausgabe kaufen (12.00€)
Druckausgabe kaufen (12.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Der europäische Flüchtlingsschutz: Eine Ruine

von Vanessa Barisch

Haftähnliche Unterbringung, fehlender Rechtsschutz während des Asylverfahrens und die Legalisierung von Pushbacks, das sind die Merkmale, die ab Juni den Umgang mit Flüchtlingen in der EU prägen werden. Bis dahin sollen die EU-Staaten die schon 2024 beschlossene Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems umgesetzt haben.