Ausgabe Mai 1990

Ist das Ganze noch zu retten?

Zum Streit zwischen Zentrum und nicht-russischer Peripherie der Sowjetunion

Der "Nervenkrieg um Litauen" ist vorläufiger Höhepunkt in einer Reihe unausgetragener Verfassungskonflikte zwischen der Sowjetunion und ihrer nationalen Peripherie, im Gegeneinander beschwörender Zusammenhaltsappelle aus Moskau und wachsender Unabhängigkeitsbestrebungen einzelner Unionsrepubliken. Dem ging die Entwicklung der seit 1987 virulenten Nationalitätenfrage in die politische Dimension voraus, kulminierend in der Forderung nach Revision sowjetischer Nationalitätenpolitik und einer Perestroika des bislang nur formal existierenden Sowjetföderalismus. Dabei muß eines zum Verständnis der Moskauer Reaktionen in diesem Prozeß klargestellt werden: Im Unterschied zu anderen Aktionsfeldern der Reformpolitik Gorbatschows bildet die Nationalitätenpolitik keinen Teil jener "Revolution von oben", sondern ist Reaktion auf vehemente Aktionen und Herausforderungen "von unten". Gorbatschow gab auf dem ZK-Plenum zur Nationalitätenfrage im September 1989 die Verspätung reformerischen Denkens in diesem für die Sowjetunion existentiell wichtigen Bereich zu.

Von allen inneren Lebenslügen der Sowjetunion war die Fiktion von der "grundsätzlich gelösten nationalen Frage" und der "supra-nationalen Sowjetgemeinschaft" die zählebigste.

Mai 1990

Sie haben etwa 5% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 95% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Am Rande des Abgrunds: Britische Demokratie in der Krise

von Annette Dittert

Es war sicher kein Zufall, dass Banksy seine erste große Skulptur genau eine Woche vor den wichtigen britischen Regionalwahlen am 7. Mai mitten im Herzen von Westminster aufgestellt hatte. Als hätte er das Wahlergebnis vorhergesehen, zeigt Banksy einen Mann auf einer hohen Säule, in der rechten Hand eine riesige schwarze Flagge.

»10-Millionen-Schweiz«: Mauern gegen die Polykrise

von Cédric Wermuth

Am 14. Juni stimmt die Schweiz per Referendum über eine Initiative ab, die europaweit Schule machen könnte. Unter dem Titel »Keine 10-Millionen-Schweiz« verlangt die rechtsnationalistische Schweizerische Volkspartei die Einführung eines Bevölkerungsdeckels in der Verfassung.