Ausgabe Juni 1990

Die Intellektuellen, das Volk und die Nation

I

Nun triumphieren sie also, die Feuilletonisten der FAZ. Das "Schweigen, mit dem die intellektuelle Klasse der Bundesrepublik auf die revolutionären Vorgänge in den östlichen Nachbarländern reagiert hat" (Joachim Fest), gerät zum Beweis für den endgültigen Zusammenbruch aller gesellschaftskritischen Ideologien und Utopien, der deren meinungsbildende Wortführer unvermeidlich in den Strudel der geistigen und politischen Marginalisierung hineinreißt. Seitdem das Volk der DDR mit der Wahlentscheidung vom 18. März auf seine Souveränität verzichtet hat, scheint sich in der geschichtlichen Realität nun endgültig jener Sieg des "nationalen Mythos" zu vollziehen, der - selbst für Konservative überraschend - "in alle Resignation des Posthistoire" einbricht. Angesichts der Öffnung des Brandenburger Tores und des Absingens des "Deutschlandliedes" im Bundestag kann auch Karl Heinz Bohrer, der ansonsten um die autoritären Dispositionen der Deutschen fürchtet, seine Glücksgefühle nicht länger verschweigen: "Den Deutschen gelang es, eine einmalige historische Situation emotionell und symbolhaft glücklich zu beantworten.

Juni 1990

Sie haben etwa 5% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 95% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Am Rande des Abgrunds: Britische Demokratie in der Krise

von Annette Dittert

Es war sicher kein Zufall, dass Banksy seine erste große Skulptur genau eine Woche vor den wichtigen britischen Regionalwahlen am 7. Mai mitten im Herzen von Westminster aufgestellt hatte. Als hätte er das Wahlergebnis vorhergesehen, zeigt Banksy einen Mann auf einer hohen Säule, in der rechten Hand eine riesige schwarze Flagge.

»10-Millionen-Schweiz«: Mauern gegen die Polykrise

von Cédric Wermuth

Am 14. Juni stimmt die Schweiz per Referendum über eine Initiative ab, die europaweit Schule machen könnte. Unter dem Titel »Keine 10-Millionen-Schweiz« verlangt die rechtsnationalistische Schweizerische Volkspartei die Einführung eines Bevölkerungsdeckels in der Verfassung.