Ausgabe März 1991

Zwischen Perestroika und Diktatur

Mit Bestürzung müssen wir Deutsche nach einem Jahr voller Euphorie und nationalem Taumel erkennen, daß wir uns keinem goldenen Zeitalter nähern. Die Herrschenden dieser Welt greifen wie ehedem als letztem Mittel zur Lösung von Konflikten zu Gewalt und Krieg. Neben dem Golfkrieg mit seinen unabsehbaren Folgen hat diesen Schock vor allem das Blutvergießen in Litauen und Lettland hervorgerufen, die Ermordung friedlicher Bürger durch sowjetische Militär, die das Recht ihrer Völker auf Unabhängigkeit und Selbstbestimmung einforderten. Dies ist ein durch nichts zu rechtfertigendes Verbrechen, ein erneuter Beweis dafür, daß es sich bei der Einbeziehung der baltischen Staaten in die UdSSR im Jahre 1940 wie heute um eine von der Mehrheit der betreffenden Völker abgelehnte Okkupation handelt, die schnellstens beendet werden muß.

Die blutigen Ereignisse im Baltikum spiegeln sich auf eine ganz eigenartige Weise in der Reaktion vieler Politiker, Journalisten und Wissenschaftler in Deutschland und anderen Ländern des Westens wieder. Aus dem noch vor wenigen Monaten hofierten "Gorbi" wird über Nacht ein blutiger Diktator, schlimmer als Stalin. Jene, die ihm vor einem halben Jahr den Friedensnobelpreis zuerkannt haben, möchten dies schnellstens rückgängig machen.

März 1991

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