Ausgabe April 1993

Unbefangener Blick und ungleiche Sehkraft

Anmerkungen zu Norbert Elias

I

Die Armeen neuerer kleinerer Staaten kämpfen um Geländegewinne auf dem Territorium des ehedem gemeinsamen größeren Staates, dessen Machtmonopol zuvor ein friedliches Miteinander unterschiedlicher Völker und Religionsgemeinschaften garantierte. Das Genfer Abkommen, jenes Ensemble wohlgemeinter Grundsätze zur humanen Behandlung der Soldaten und Zivilisten, gehört nicht zum Marschgepäck der Heckenschützen, marodierenden Banden und vergewaltigenden Soldaten. Im barbarischen Krieg zwischen Serben, Kroaten und bosnischen Muslimen ist von zivilem Verhalten und humaner Selbstdisziplinierung nichts zu bemerken.

Offensichtlich bestätigen die Greueltäten eine alte und verbreitete Skepsis gegenüber den Errungenschaften der Zivilisation; übrigens ein Begriff, der in Westeuropa wie kein anderer die Vorstellung vom geistigen und materiellen, vom gesellschaftlichen und persönlichen Fortschritt bündelte. Die Selbstbeglückwünschung der bürgerlichen Gesellschaft im Namen der Zivilisation wirkt heute mehr denn je verstaubt oder gar verlogen.

April 1993

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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