Vor knapp einem Jahr verstarb Willy Brandt, damaliger Präsident der Sozialistischen Internationale (SI) und Ehrenvorsitzender ihres wohl bedeutendsten Mitglieds, der SPD. Im Nachhinein betrachtet erscheint der damit zweifellos verbundene historische Einschnitt um so gravierender, als seitdem immer deutlicher hervortritt, daß auch das "Projekt" dieses historischen Führers der deutschen und internationalen Sozialdemokratie vor dem Zusammenbruch steht. Ich meine damit, daß Brandt in den 70er und wohl mehr noch in den 80er Jahren für den Versuch stand, der Sozialdemokratie eine neue Perspektive im Übergang zum nächsten Jahrhundert zu eröffnen und jene Lügen zu strafen, die das "Ende des sozialdemokratischen Zeitalters" deklamierten. Es ging - kurz formuliert - darum, den Weg vom eurozentrischen Reformismus des keynesianischen Wohlfahrtsstaates zu einem global orientierten Reformismus des ökologisch-sozialen Umbaus der Industriegesellschaft zu finden. Hierfür steht nicht zuletzt das "Berliner Grundsatzprogramm" der SPD, das im Dezember 1989 das berühmte Godesberger Programm ablöste. Brandt erwartete in dieser Perspektive die Impulse von seinen "Enkeln" in Deutschland - aber auch in den westeuropäischen Nachbarländern (an allererster Stelle von Felipe Gonzalez).
In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.