Ausgabe Oktober 1994

Psychoanalyse und Politik

I

Die Psychoanalyse ist weder eine Theorie der Politik noch eine politische Theorie - und sie war es unter der Maske einer Lehre von bewußten und unbewußten psychischen Prozessen und Triebschicksalen auch insgeheim nie. Dennoch wurde sie als kulturell verwerfliche Lehre politisch verfolgt. Der Vatikan leitete - in unziemlicher Allianz mit der faschistischen Führungselite - spätinquisitorische Verfahren gegen die Psychoanalyse ein. Bekanntlich verbrannte man in Berlin im Mai 1933 die Bücher Sigmund Freuds und seiner Anhänger. Ungefähr zur gleichen Zeit erließ der Kreml ein generelles Verbot der Psychoanalyse, dessen Tragweite durch Hinweise auf andere Verbote jener Zeit nicht relativiert wird.

Kein Zweifel, daß sich die Lage der Psychoanalyse international inzwischen normalisiert hat, Freuds Schriften erreichen allein im deutschsprachigen Bereich Auflagen, die in die Hunderttausende gehen. In Paris findet man Buchhandlungen, die sich auf psychoanalytische Literatur jeder Couleur und Preislage spezialisiert haben. Fachgesellschaften sorgen für die Ausbildung zukünftiger Therapeutengenerationen, deren Berufsrolle im Gesundheitswesen anerkannt (und standespolitisch gegen unliebsame Konkurrenz verteidigt) wird. Und wer mag, kann Vorlesungen über psychoanalytische Themen besuchen - wenn nicht an allen, so doch an einigen europäischen Universitäten.

Oktober 1994

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