Die Überlegung scheint nicht unberechtigt, daß 1995 das Jahr der großen Gedenktag-Verabschiedungen in Deutschland wird. Aus vielerlei Gründen: nicht nur, weil die Zeit der Weltkriege und der NS-Diktatur zunehmend in den Sog einer wie auch immer gearteten Historisierung gerät, und auch nicht nur deshalb, weil die Biologie des Menschen dazu führt, daß sich unmittelbare Erinnerung auf einen immer kleiner werdenden Kreis von Überlebenden beschränkt, während die meisten Nachgeborenen diese Gedenktage nur noch durch die Überlieferung des Hörensagens, des Schrifttums und der gesteuerten Bildflut wahrnehmen. Genauso wichtig erscheint der Umstand, daß sich nach den Ereignissen von 1989 in Deutschland und in der Welt die Perspektive auf das verändert hat, was über fünfzig Jahre lang Politiker, Militärs und Geisteswissenschaftler u.a. in erbitterten Kontroversen verstrickte, wenn es darum ging, Ursachen, Folgen und Konsequenzen der NS-Herrschaft und des von Deutschland entfesselten Krieges zu erörtern. Heute muten diese über Jahrzehnte so leidenschaftlich ausgetragenen Auseinandersetzungen vielfach schon merkwürdig verstaubt an, obgleich nach wie vor eine Bilanz des Jahrhunderts aussteht.
Vor 250 Jahren wurde die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika verabschiedet. Sie läutete, mehr noch als die Französische Revolution, die Epoche der neuzeitlichen Demokratie ein, die auf individuellen Menschenrechten und politischem Pluralismus beruht.