Die Überlegung scheint nicht unberechtigt, daß 1995 das Jahr der großen Gedenktag-Verabschiedungen in Deutschland wird. Aus vielerlei Gründen: nicht nur, weil die Zeit der Weltkriege und der NS-Diktatur zunehmend in den Sog einer wie auch immer gearteten Historisierung gerät, und auch nicht nur deshalb, weil die Biologie des Menschen dazu führt, daß sich unmittelbare Erinnerung auf einen immer kleiner werdenden Kreis von Überlebenden beschränkt, während die meisten Nachgeborenen diese Gedenktage nur noch durch die Überlieferung des Hörensagens, des Schrifttums und der gesteuerten Bildflut wahrnehmen. Genauso wichtig erscheint der Umstand, daß sich nach den Ereignissen von 1989 in Deutschland und in der Welt die Perspektive auf das verändert hat, was über fünfzig Jahre lang Politiker, Militärs und Geisteswissenschaftler u.a. in erbitterten Kontroversen verstrickte, wenn es darum ging, Ursachen, Folgen und Konsequenzen der NS-Herrschaft und des von Deutschland entfesselten Krieges zu erörtern. Heute muten diese über Jahrzehnte so leidenschaftlich ausgetragenen Auseinandersetzungen vielfach schon merkwürdig verstaubt an, obgleich nach wie vor eine Bilanz des Jahrhunderts aussteht.
In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.