Ausgabe April 1995

Naht ein Viertes Reich?

Jean-Marie Guehennos imperiale Verabschiedung der Demokratie

Sollten Sie bei diesem Titel erschrecken, kann ich Sie - vorerst - beruhigen. Nicht das Vierte Reich ist im Anmarsch. Ausländerfeindlichkeit, Rassismus, intellektuelle Flirts mit "faschistoiden" Gedankengängen - all das sind nicht dessen Vorboten, sondern nur Epiphänomene einer verblassenden nationalstaatlichen Fixierung - schlimm, aber letztlich ohne Bedeutung, Gekräusel auf der Oberfläche stiller Gewässer, die bekanntlich tief sind. Aus dieser Tiefe funktionaler Lebensnotwendigkeiten drängen ganz andere Kältewellen nach oben, auf die wir golfstromverwöhnten Europäer nicht vorbereitet sind - hört man aus Frankreich. In Zeiten, die als Zeitenwende empfunden werden, steigt die Nachfrage nach Perspektivenliteratur. Gefordert sind die bestsellerschreibenden Experten für den Panoramablick.

Wiederaufgreifen des Reichsgedankens

Auch und besonders in Frankreich findet seit etwa zehn Jahren ein Diskurs Über die nationale Identität statt. Aber stärker als hierzulande hat gerade die Rechte - sowohl die extreme in ihren beiden Varianten, dem metapolitischen Intellektuellenzirkel GRECE mit seinen Vordenkern Al de Benoist und Guillaume Faye sowie Le Pens Front National, wie auch die liberalkonservative Rechte die Frage nach der nationalen Identität stets mit der nach der Zukunft Europas verbunden.

April 1995

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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