Ausgabe September 1995

Haiti - ein Jahr nach der Intervention

Auf den ersten Blick sieht alles aus wie zu Zeiten der Duvaliers und von General Namphy: Kahle Berggerippe, die Flüsse braun vom fruchtbaren Boden, die Straßen aufgerissen und zerstört, voll mit Menschen, die einen Kleinsthandel treiben, Karren mit Kohlensäcken schleppen, Schuhe putzen oder einfach nur herumstehen und warten. Seit den 50er Jahren, seitdem man sich wissenschaftlich mit der karibischen Region befaßt, wird immer wieder das Ende Haitis beschrieben, die Katastrophe vorhergesagt.

Doch was bedeutet das? Ein Land kann nicht bankrott machen, geschlossen werden. 1986, als "Baby Doc" mit einigen Millionen ins Ausland ging, sprach man davon, daß Haiti jetzt seine letzte Chance zum Wiederaufbau bekommen würde.

Doch es kam noch schlimmer: Eine Reihe kleptokratischer Übergangsregierungen, der Putsch gegen die mit Hoffnungen überlastete legitime Regierung Aristide (1991), eine zerstörerische Militärregierung und vor allem das Wirtschaftsembargo. "Continuing Haiti" - so bezeichnete Dawn Marshall 1979 in einer Studie den Zustand des Landes. Jeder Wandel scheint nur zu bestätigen, daß sich nichts ändert: "Plus ?a change, plus c'est la m?me chose" war 1994 der Titel eines Vortrags von LéonFran?ois Hoffmann über Haiti.

September 1995

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