Ausgabe August 1996

Die Gingrich-Revolution fällt aus

Die scharfe Suppe der republikanischen "Revolution" wurde nicht so heiß gegessen wie gekocht.

So irgendwie läßt sich beschreiben, was seit dem konservativen Triumph bei den Zwischenwahlen vom November 1994 passiert ist. Die strammen Rechten unter Repräsentantenhaussprecher Newt Gingrich, die "im Namen des Volkes" angetreten waren, um die Liberalen, die Feministinnen, die Ökofreaks, die Heiden und den gesamten Wohlfahrtsstaat das Fürchten zu lehren, haben sich verheddert. Der konservative Kongreß hat den Präsidenten nicht entmachtet, kein Ministerium wurde abgeschafft, das staatliche Krankenversicherungsprogramm für Rentner bleibt unangetastet, die Umweltschutzbehörde und die meisten Umweltgesetze bleiben, die Einkommenssteuern wurden nicht gekürzt, Entwicklungshilfe wird weiter gezahlt, Abtreibung ist nach wie vor legal, in den Schulen wird noch immer nicht gebetet, und kürzlich hat der Kongreß gar für eine Erhöhung des Mindestlohnes gestimmt. Der große Zampano Gingrich, für "Time" 1995 "Mann des Jahres", der seinerzeit vor einem Jahr mit der Präsidentschaftskandidatur liebäugelte, ist ruhig geworden: Parteifreunde haben den Schnellredner gebremst - zu oft trete er in Fettnäpfchen, etwa als er Sozialprogramme für einen Kindermord verantwortlich machte.

August 1996

Sie haben etwa 14% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 86% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Venezuela: Kolonialismus des 21. Jahrhunderts?

von Ferdinand Muggenthaler

Anfang April veröffentlichte die »New York Times« eine Recherche über den Entscheidungsprozess, der zum US-Angriff auf Iran führte. Der Bericht bestätigt, was Donald Trump auch öffentlich immer wieder anklingen lässt: Die Militäraktion gegen Venezuela hat ihn motiviert.