Ausgabe August 1996

Vom Elend der Ladenhüter

Nun ist es also doch geschehen: der Bundestag hat ein neues Ladenschlußgesetz beschlossen und der Bundesrat hat es passieren lassen. Das wirklich allerletzte Wort scheint aber hier noch lange nicht gesprochen. Da die Diskussion darüber von allen Seiten so arg kleingeistig und unentschieden geführt wurde, dürfen wir auch in Zukunft weiterhin neue Ausdehnungsvorschläge wie dadurch provozierte heroische Abwehrschlachten erwarten. Daß die betroffenen Gewerkschaften Besitzstände wahren wollen, mag - besonders im gegenwärtig wenig arbeitnehmerfreundlichen Meinungsklima - verständlich sein, zeugt aber nicht von besonderer Klugheit. Wenn bei Befragungen fast quer durch alle Gruppen etwa zwei Drittel eine Ausweitung der Einkaufszeiten befürworten, läßt sich eine solche Änderung auf Dauer nicht mehr verhindern. Und es wäre Aufgabe der anderen Gewerkschaften, der mit ihnen verhandelten Sozialdemokratie oder vor allem auch der bei dieser Frage mental beweglicheren Grünen gewesen, hier nicht blind konzeptlose Solidarität zu üben, sondern frühzeitig eine sozialverträgliche Alternative zu entwickeln.

Aber auch die Regierungsvorlage war wieder einmal als typische Halbherzigkeit angelegt, die kaum mehr erkennen ließ, von welchen Prinzipien aus dabei eigentlich gehandelt wurde.

August 1996

Sie haben etwa 12% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 88% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Flucht vor der Verantwortung: Lieferkettengesetze am Ende?

von Merle Groneweg

Der 11. September erinnert nicht nur an den Einsturz des World Trade Centers in New York, sondern auch an eine der schwersten Katastrophen in der Textilindustrie: den Brand in der Fabrik Ali Enterprises in Karatschi, Pakistan.

Ohne EU-Mindestlohn kein soziales Europa

von Roland Erne

Nach Jahren antisozialer Politik infolge der Finanzkrise von 2008 standen soziale Fragen in der vergangenen Legislatur der EU wieder weiter oben auf der Agenda. Zwischen 2022 und 2024 verabschiedeten das EU-Parlament und der Rat seit langem wieder mehrere soziale EU-Gesetze, darunter die Richtlinie über „angemessene Mindestlöhne in der Europäischen Union“.