Ausgabe April 1997

Über den öffentlichen Gebrauch der Historie

Warum ein Demokratiepreis für Daniel Goldhagen?

Der Demokratiepreis, den zuletzt 1990 Bärbel Bohley und Wolfgang Ullmann für die Bürgerrechtler der DDR entgegengenommen haben, geht an den diesjährigen Preisträger mit der folgenden Begründung: Daniel Goldhagen habe "aufgrund der Eindringlichkeit und der moralischen Kraft seiner Darstellung dem öffentlichen Bewußtsein in der Bundesrepublik wesentliche Impulse gegeben"; er habe "die Sensibilität für Hintergründe und Grenzen einer deutschen 'Normalisierung'" geschärft. Die Bezugnahme auf die rhetorische Wirkung des Buches und auf die Streitfrage der Normalisierung, die sich im Übergang zur Berliner Republik erneut stellt, läßt erkennen, was das Kuratorium der "Blätter für deutsche und internationale Politik" mit dieser Preisverleihung im Sinn hat - und was nicht.

Es kann und will nicht in eine wissenschaftliche Kontroverse eingreifen. Auch in Deutschland haben sich bedeutende Historiker, oft mit der Energie eines ganzen akademischen Lebens, um die Erforschung der Nazi-Zeit und um die politische Aufklärung der Bürger über die komplexe Vorgeschichte des Holocaust große Verdienste erworben. Stellvertretend nenne ich nur Martin Broszat, Hans Mommsen und Eberhard Jaeckel sowie unter den Jüngeren Ulrich Herbert, Dietrich Pohl und Thomas Sandkühler.

April 1997

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