Ausgabe Juli 1997

Wozu taugt die Angebotsstrategie?

Zur Lage der deutschen Wirtschaft Mitte 1997

Seit Ludwig Erhard seligen Angedenkens wird die Bevölkerung von der Regierung mit schöner Regelmäßigkeit dazu aufgerufen, den Gürtel enger zu schnallen. Das Ende der fetten Jahre wird ausgerufen, ohne daß dieselben jemals angekündigt worden wären (Joseph konnte dem Pharao immerhin auch prognostizieren: "Siehe, sieben reiche Jahre werden kommen in ganz Ägyptenland." 1. Mose 41). Ein nüchterner Blick auf die Basisdaten macht jedoch deutlich, daß die deutsche Wirtschaft ständig mehr produziert, daß die Bevölkerung i m D u r c h s c h n i t t auch in den 90er Jahren noch ständig reicher wird. Wenn unter diesen Bedingungen große Bevölkerungsgruppen aufgefordert werden, eine Absenkung des materiellen Lebensstandards hinzunehmen, dann nur, um andere besser zu stellen. Die Pro-Kopf-Einkommen in Westdeutschland sind real bis zum Anschluß der ehemaligen DDR fast kontinuierlich gewachsen. Die wirtschaftliche Eingliederung der fünf neuen Bundesländer hat das Niveau der Durchschnittseinkommen rechnerisch zunächst etwas gesenkt.

Doch seither nehmen sie wieder zu - wenn auch langsam und dürften 1997 nur noch wenig unter dem Höchststand von 1989 liegen. Dies ist eigentlich kein geeigneter Hintergrund für sozialpolitische Katastrophengemälde.

Juli 1997

Sie haben etwa 13% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 87% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Flucht vor der Verantwortung: Lieferkettengesetze am Ende?

von Merle Groneweg

Der 11. September erinnert nicht nur an den Einsturz des World Trade Centers in New York, sondern auch an eine der schwersten Katastrophen in der Textilindustrie: den Brand in der Fabrik Ali Enterprises in Karatschi, Pakistan.

Ohne EU-Mindestlohn kein soziales Europa

von Roland Erne

Nach Jahren antisozialer Politik infolge der Finanzkrise von 2008 standen soziale Fragen in der vergangenen Legislatur der EU wieder weiter oben auf der Agenda. Zwischen 2022 und 2024 verabschiedeten das EU-Parlament und der Rat seit langem wieder mehrere soziale EU-Gesetze, darunter die Richtlinie über „angemessene Mindestlöhne in der Europäischen Union“.