Ausgabe August 1997

Parteipolitik und Milieubindung

Kohl streitet mit Stoiber. Der DGB-Chef rügt die Sozialdemokraten. Der BDI-Boß schimpft über die bürgerliche Regierung. Sudetendeutsche Landsmannschaftler hadern mit dem bayrischen CSU-Ministerpäsidenten. Umweltschützer ärgern sich über die Grünen. Mittelständler sind sauer auf die FDP. Und gläubige Katholiken fühlen sich schon seit langem unwohl in der unionsregierten Republik. Alte gesellschaftliche Verflechtungen zerbröseln; die traditionellen Lager scheinen zu erodieren. Vielen gefällt das. Einige erhoffen sich vom Zerfall der überkommenen Milieus die Neuformierung innovativer und kreativer Allianzen, politisch gleichsam das Modernisierungsbündnis von Gerhard Schröder, Oswald Metzger und Guido Westerwelle. Oder zumindest ein schwarz-grünes Experiment. Jedenfalls irgendetwas, was den bundesdeutschen Beharrungskonsens der traditionellen parteipolitischen Großformationen und Lager aufsprengen mag.

Gewiß, ganz unverständlich sind solche Szenarien nicht. Der Frust über die verkrusteten und blockierten Strukturen ist weit verbreitet und die Lust auf post-moderne Abwechslung zumindest bei den Kommunikatoren in den Medien wohlfeil. Das leuchtet zwar ein, aber es ist auch ein bißchen komplexer: Die alten Lager waren so schlecht nun doch nicht; und die postmoderne Zukunft birgt nicht nur erfreulich pittoreske Seiten.

August 1997

Sie haben etwa 8% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 92% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema