Ausgabe August 1998

Die zerstreute Republik

In jüngster Zeit ist sie bedenklich angeschwollen - die Klage über den Zustand unserer Republik. Und ein ums andere Mal kehrt man auf das große Ärgernis zurück: daß wir in einer blockierten Gesellschaft leben, deren Akteure nicht mehr imstande sind, existentielle Reformen durchzusetzen. Einig sind sich darin Politiker fast aller Couleur (wiewohl sie natürlich darüber streiten, wessen Partei "verantwortlich" sei). Zustimmen können dem vernichtenden Urteil die Wortführer der Industrie, deren Investitionsfreude durch resistente "Errungenschaften" gebremst wird. In den Chor fallen schreibende Zeitgenossen mit ein, jene, die das Ohr dicht am Ort des Geschehens haben und Tag für Tag mißratene Initiativen oder kassierte Pläne kommentieren müssen; aber auch solche mit Sitz im Elfenbeinturm, deren privilegierter Blick aufs Ganze und Wahre erkennen muß, daß davon wohl nichts Wirklichkeit wird. Durch die Klagen schimmert das Bild einer heilen Welt, in der Politik etwas Ernstes ist und Republik eben "res publica", eine öffentliche Angelegenheit, deren Schicksal alle Bürger angeht und von besonders befugten besorgt wird - an verbindlichen Zielen ausgerichtet, von energischem Willen getragen, als eine konzentrierte Veranstaltung.

August 1998

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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