Linke Mehrheiten haben noch jedes Mal zu einem Desaster geführt, wenn sie die Politik des Gegners betrieben und die Wähler für Idioten hielten. - Keine Warnung an die neue deutsche Regierung, sondern eine Abrechnung, die Abrechnung von Pierre Bourdieu mit der französischen Linksregierung, veröffentlicht am 8. April dieses Jahres. Kaum ein Jahr nach dem Regierungsantritt der Linkskoalition unter Lionel Jospin plädiert der renommierte und international bekannte Soziologe, Professor am College de France und Studiendirektor an der Hochschule für Sozialwissenschaften EHESS, in "Le Monde" für eine "linke Linke" und liest in harschen Worten dem "Quartett" Jospin, Chevenement (PS), Hue (PCF) und Voynet (Grüne) die Leviten. Die linkspluralistische Regierung lasse sich inzwischen von der neoliberalen Troika Blair-Jospin-Schröder animieren, betreibe eine kurzsichtige Tagespolitik und zeige sich blind und taub angesichts der Nöte der "Volksklassen". Wirkliche Antworten auf die schleichende oder offene Faschisierung des Landes könnten nur von den neuen sozialen Bewegungen kommen, die sich seit den Streiks vom Dezember 1995 gebildet haben.
In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert.