Vier Leben, so sagt er, habe er gelebt: Die Jugendzeit in Wien beschreibt Walter Grab - trotz des latenten Antisemitismus auch dort - als unbeschwert und heiter. Dann, er hatte gerade das Abitur abgelegt, 1938 der "Anschluß" Österreichs - und seine Flucht nach Palästina. Sein zweites Leben, das nun begann, war sein schwerstes: Fast 25 Jahre lang schlug er sich als Handwerker und Kaufmann in Palästina eben so durch. Seine Verwandten, die in Wien geblieben waren, wurden Opfer der faschistischen Mordmaschinerie. Die Frage, die ihn seit dem Schock des Jahres 1938 nicht mehr losließ, bestimmte sein drittes wie sein viertes Leben: Wie war das möglich in einer Kultur, die er in seiner Jugend so verehrt und so geliebt hatte? So besuchte er nach Feierabend Vorlesungen an der Universität Tel Aviv: Vom Studium der Geschichte, der deutschen Literatur und der politischen Philosophie erhoffte er sich eine Antwort. 1962 konnte er endlich ein richtiges Studium aufnehmen. Er promovierte bei dem Hamburger Historiker Fritz Fischer, der ein Jahr zuvor mit seinem Buch "Griff nach der Weltmacht" das bis dahin in der Bundesrepublik vorherrschende nationalkonservative Geschichtsbild zertrümmert hatte.
Vor dem Dolmabahçe-Palast am Bosporus hat die Polizei den Gehweg abgesperrt. Aktivistinnen der Republikanischen Volkspartei (CHP) aus dem Istanbuler Bezirk Beşiktaş demonstrieren hier seit Wochen gegen die juristischen Eingriffe in ihre Partei, die stärkste Oppositionskraft des Landes.