Der wirklich heiße Sommer 1999 hat es noch deutlicher gemacht: In für ernsthaft denkende Menschen fast unerträglicher Weise werden in der SPD substantielle inhaltliche Fragen auf eine personenzentrierte Ebene verschoben. Dabei entstehen bei manchem sozialdemokratischem Politiker offensichtlich die Gedanken im Mund und nicht, wie es sein sollte, zuerst im Kopf; da redet man drauflos und so lange, bis man den Gegner endlich im eigenen Lager entdeckt hat, statt sich mit der Opposition, deren ungeordneter Nachlaß kaum mehr zur Kenntnis genommen wird, auseinanderzusetzen. Auf diese vordergründige Weise wird die Komplexität gesellschaftlicher Veränderungsprozesse verdeckt, die fast umwälzende Umorientierung in den Wertewelten nicht angemessen begriffen und schon gar nicht begreifbar gemacht. Leichtfertig fällt man in die gewohnten Zuordnungen zurück: links/rechts, Traditionalist/Modernisierer, weil's griffiger zu sein scheint.
In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.