Ausgabe Oktober 1999

Die neuen Barbaren

Das letzte Jahrzehnt vor der Jahrtausendwende begann als eine Zeit der Hoffnung. Millionen Menschen waren von dem Traum einer neuen Epoche gefesselt. Der Sieg des Westen über den Osten erschien als Triumph von Freiheit und Unternehmungsgeist. Niemand aus dem Osten beklagte die Niederlage im "Kalten Krieg", lag der Wohlstand doch in greifbarer Nähe. Alles, was die Länder aus dem Osten dafür tun mußten, war, sich wieder der "Weltzivilisation" anzuschließen und in das "Gemeinsame Europäische Haus" einzutreten. Aber schon wenige Jahre später wichen die großen Hoffnungen der Skepsis. Mitte der 90er Jahre wurde es nicht nur unvermeidlich, den Traum vom Wohlstand aufzugeben, auch das westliche Demokratiemodellschien wackelig auf den Beinen und kaum mehr fähig, die eigenen Probleme zu lösen. Die liberale Wirtschaftsordnung, zur natürlichen Basis der politischen Freiheit proklamiert, geriet zunehmend in Widerspruch zu eben dieser; und es gewannen solche Stimmen an Kraft, die in den demokratischen Institutionen Hindernisse für den freien Markt sehen und ihre Ausmusterung forderten. Im Westen rufen heute viele Ökonomen und Soziologen das letzte Jahrhundert des Römischen Reiches in Erinnerung. In dieser Zeit wuchs ein Gefühl der Schwäche, vorrübergehend verdrängt von unerwarteten Erfolgen.

Oktober 1999

Sie haben etwa 5% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 95% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema