Präsidentschaftswahlen in den USA dauern mittlerweile zwei Jahre, eine Art Dauerlauf für denjenigen, der sich dieser Strapaze aussetzen will. Das eigentliche Wählen beginnt zwar erst Anfang des kommenden Jahres, in den Vorwahlen der Einzelstaaten, aber die Kandidaten sind schon seit geraumer Zeit unterwegs, wobei sie hauptsächlich viel Geld ausgeben. Geld ist der andere Name der amerikanischen Demokratie. Läßt der Geldnebel, der das Wahlsystem einhüllt, es überhaupt zu, Charakter auszumachen? Dabei ist es gerade Charakter, wonach die amerikanischen Wähler bei ihren Kandidaten verzweifelt suchen. Ideologie interessiert die Mehrheit weniger. Der Zentralisierungsdruck des amerikanischen Systems bewirkt, daß Kandidaten mit ausgeprägten ideologischen Standpunkten linker oder rechter Provenienz keine Chance haben. Das Fiasko der "republikanischen Revolution" des Newt Gingrich hat aufs Neue demonstriert, daß radikale Positionen die Mainstream-Wähler verschrecken. Andererseits laden die Vorwahl-Kampagnen zu ideologischem Extremismus geradezu ein, weil diejenigen, die sich überhaupt die Mühe machen, an Parteivorwahlen teilzunehmen (und das sind heutzutage nicht viele), in der Regel Parteiaktivisten sind.
In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.