Schon das erste Telefonat zwischen dem israelischen Wahlsieger Ariel Scharon und Palästinenserführer Yassir Arafat machte deutlich, daß beide noch keine gemeinsame Sprache gefunden haben. Arafat verwies auf die dramatische Versorgungslage in den autonomen Gebieten, Scharon insistierte auf der Beendigung der "palästinensischen Gewalt" als Vorbedingung für die Aufnahme von Verhandlungen. Die zentrale Rolle der Sicherheitsfrage für israelische Politiker ist kein Novum. Für Scharon allerdings scheint sie - im Unterschied zu Ehud Barak - eine konkurrenzlos dominante, alle anderen Aspekte beiseite drückende Position einzunehmen. Zwar lassen sich Scharons Vorstellungen hinsichtlich des Palästinenserkonflikts noch nicht in Gänze überblicken, doch deutet alles darauf hin, daß sich auch unter der großen Koalition (Likud-Block, Arbeitspartei und kleinere Parteien) der Beginn von Gesprächen über den Endstatus der Autonomiegebiete weiter verzögern wird. Sollte der neue Außenminister Shimon Peres das von Ehud Barak im Vorjahr in Camp David unterbreitete Angebot in vollem Umfang wiederholen, könnte die neue Koalition auseinanderbrechen.
In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert.