Ausgabe Mai 2001

Fahnenflucht zum Grundgesetz

Die Richter sind unabhängig und nur dem Gesetze unterworfen. (Art. 97 Abs. 1 GG)

Artikel 26 Abs. 1 des Grundgesetzes lautet: "Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören, insbesondere die Führung eines Angriffskrieges vorzubereiten, sind verfassungswidrig. Sie sind unter Strafe zu stellen." Darauf bezogen sich die 40 Juristen und Juristinnen, die zu Beginn des NATO-Krieges gegen die Bundesrepublik Jugoslawien Strafanzeige stellten. Die Bundesanwaltschaft lehnte es jedoch ab, Ermittlungen gegen die verantwortlichen Politiker einzuleiten. Sie zitierte Gerhard Schröder, einen potentiell Beklagten, und behauptete schlicht, dieser Krieg - der ja in der Orwellschen Sprache der Regierung gar keiner war -, werde nicht in der Absicht geführt, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören.

So blieb es Richtern erspart, ihre Unabhängigkeit gegenüber einer Staatsanwaltschaft, die eher eine Regierungsanwaltschaft darstellt, unter Beweis zu stellen. Daß die "grammatische und systematische Auslegung" dieses Grundgesetzartikels in der verfassungsrechtlichen Literatur der Rechtsmeinung des Generalbundesanwalts widerspricht, hat jüngst Sibylle Tönnies nachgewiesen.

Sie haben etwa 8% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 92% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema