Das Zeitalter der ethnischen Konflikte hat die Ära des Kalten Kriegs abgelöst: Während bis Ende der 80er Jahre "ethnische Konflikte" in den Medien nahezu unbekannt waren, stieg "Ethnizität" in den 90er Jahren zur beherrschenden Interpretationsformel von Konflikten auf. Der Zusammenbruch der Sowjetunion und der damit einhergehende Abgesang auf die herrschende Weltordnung bereiteten das Feld für die Vorstellung, dass die gesamte Welt von ethnischen Konflikten erschüttert wird: Zunächst Nagorny-Karabach, dann Abchasien, Slowenien, Kroatien, Angola, Bosnien-Herzegowina, Ruanda, Chiapas, Somalia, Tschetschenien, Zaire, Kosovo, Molukken und Mazedonien, um nur einige zu nennen. Auch den Afghanistankonflikt, der durch die Anschläge des 11. September wieder ins Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung rückte, identifizierten Medien und Politiker als einen "ethnischen", obgleich sich die "Beteiligten" nicht einmal ethnisch definierten. Es scheint geradezu so, als ob sich gewaltsame Konflikte auf dieser Welt einer ethnischen Etikettierung gar nicht mehr entziehen können. Im Folgenden will ich eine Annäherung wagen, wie die Konjunktur des Ethnischen zu erklären ist.
Zu den bitteren Erkenntnissen internationaler Politik und Berichterstattung gehört: Unsere Aufmerksamkeit reicht oft nur für eine Großkrise. Das Resultat: vergessene Konflikte überall auf der Welt.