Ausgabe Mai 2002

Postjugoslawische Zustände

Requiem für Jugoslawien

Das Ende Jugoslawiens kam nicht mit einem Paukenschlag, davon hatte es lm letzten Jahrzehnt mehr als genug gegeben. Es kam nicht einmal mit einem Wimmern. Es kam mit kratzenden Federn: Am 14. März überantworteten die Führer Serbiens und des winzigen Montenegro mit ihren Unterschriften Jugoslawien umstandslos den Geschichtsbüchern. Die Trauergemeinde war klein. Vielleicht gehörten manche aus der älteren Generation dazu, die sich an bessere Tage erinnern. Aber nach den Reaktionen aus Belgrad, Zagreb, Sarajevo, Ljubljana und Skopje zu schließen, hielt sich der Kummer in Grenzen. Vojislav Kostunica, der letzte Präsident Jugoslawiens und auserkoren, dem Nachfolgestaat Serbien und Montenegro vorzusitzen, gab sich überrascht, als ein Besucher Trauer über das Ende des Staates und seines geschichtsträchtigen Namens bekundete.

Wie Indonesien, die frühere Tschechoslowakei und noch heute Indien war Jugoslawien ein Konglomerat verschiedenartiger Völker. Serben, Kroaten, Slowenen, bosnische Muslime und andere kamen nach dem "war to end all wars" 1918 in einem Königreich unter der Schirmherrschaft Präsident Woodrow Wilsons und der Versailler Konferenz zusammen.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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