Ausgabe April 2004

Spanische Lektionen

Noch am Wahlabend mochten hohe Funktionäre des Partido Popular (PP), der regierenden konservativen Volkspartei des Ministerpräsidenten Aznar, es einfach nicht glauben. Mindestens 170 Sitze, nicht einen weniger, werde man haben, also die absolute Mehrheit von 176 Sitzen bestenfalls knapp verfehlen, wenn die Auszählung erst zu Ende sei, gab man sich überzeugt.1 Warum auch sollte, trotz des Schocks der Terroranschläge, anderes zu erwarten sein in einem Land, in dessen Dörfern oft mehr Baukräne zu sehen sind als in Frankfurt am Main und von dessen Prosperität Länder wie Deutschland und Frankreich nur träumen können?

Alle Umfragen hatten einen hohen Wahlsieg des PP vorhergesagt, und auch aus der Perspektive des sozialistischen Partido Socialista Obrero Español (PSOE) sah es so aus, als ginge es in der letzten Phase des Wahlkampfs nur noch um die Verhinderung der absoluten Mehrheit der Konservativen,2 zumal deren neuralgische Punkte optimal gesichert schienen. Aus dem Kampf gegen den innerspanischen Terrorismus der ETA und gegen den baskischen, aber auch katalanischen Nationalismus war dem PP durch polizeiliche Erfolge und unter den wirksamen Parolen staatlicher Einheit und der Verteidigung von Verfassung, Rechtstaatlichkeit und Demokratie eine beträchtliche Legitimationsressource zugewachsen.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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