Ausgabe September 2004

Lateinamerika wandert aus

Während Portugals Expansion in Asien scheiterte und die englisch-holländisch- französischen Kolonialinitiativen in der Regel bis zum frühen 19. Jahrhundert über Handelsniederlassungen kaum hinauskamen, war Spaniens Conquista in Amerika ein durchschlagender Erfolg. Damit begannen Bevölkerungsverschiebungen größten Ausmaßes, die im geographischen Dreieck Europa-Amerika-Afrika einen "atlantischen Raum" konturierten. 1 Das Territorium, welches heute als Lateinamerika gilt, erwarb sich damit im allgemeinen Sprachgebrauch den Ruf, Einwanderungskontinent zu sein.

Heute freilich stimmt der Satz nicht mehr. Lateinamerika mutiert zu einem Kontinent der Auswanderung. Präziser: Lateinamerika, immer deutlicher mit Armut geschlagen, stößt Teile seiner Bevölkerung ab. In einigen Fällen, so Argentinien, Mittelamerika oder Kolumbien, lassen sich gar Anzeichen einer Massenflucht ausmachen. Rette sich wer kann - dieser Satz scheint sich zum Motto unserer Dekade zu kristallisieren. "Wir exportieren Jugendliche", schreibt betroffen Eduardo Galeano, Uruguays sensibler Historiker-Poet, dessen seinerzeitiger Bestseller "Die offenen Adern Lateinamerikas" den Ressourcen-Hunger der metropolitanen Gesellschaften beklagte. Heute hat Lateinamerikas traditionelles Exportangebot keinen Wert mehr.

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