Ausgabe Mai 2005

Niederlage, Befreiung oder Sieg

Der 8. Mai im Spiegel seiner Jubiläen

Der Umgang mit dem 8. Mai spiegelt die geistige Verfassung der Bundesrepublik wie ansonsten wohl nur jener mit dem 9. November. Bereits zum ersten, kleinen Jubiläum, nämlich 1950, wurde seitens der ersten Bundesregierung erwogen, den 8. Mai zu einem Gedenktag der Bundesrepublik zu machen. Unmittelbarer Anlass war damals jedoch nicht die Erinnerung an den Tag des Kriegsendes, die bedingungslose deutsche Kapitulation, sondern die abschließende Lesung des parlamentarischen Rates am 8. Mai 1949, mit der das neue Grundgesetz gebilligt wurde.

Bundespräsident Theodor Heuß hätte diesem Datum als erstem "Nationalen Gedenktag" wohl einiges abgewinnen können, denn anlässlich seiner Rede zum 7. September 1950 – dieser Tag der Konstituierung von Bundestag und Bundesrat (1949) wurde schließlich zum Gedenktag erkoren – attestierte er, dass der 8. Mai "etwas mehr von Geschichtswucht in sich trage". Doch wahrscheinlich war es letztlich gerade diese "Wucht", die die politisch Verantwortlichen vor der Entscheidung für dieses Datum zurückschrecken ließ.1

Bis heute bietet der 8. Mai, vor allem bei seiner runden, zehnjährigen Wiederkehr, Anlass für geschichtspolitische Debatten, historische Bekenntnisse und symbolische Politikarrangements.

Sie haben etwa 6% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 94% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Micha Brumlik: Ein furchtloser Streiter für die Aufklärung

von Meron Mendel

Als die Hamas am 7. Oktober 2023 Israel überfiel und anschließend der Krieg der Netanjahu-Regierung in Gaza begann, fragten mich viele nach der Position eines Mannes – nach der Micha Brumliks. Doch zu diesem Zeitpunkt war Micha bereits schwer krank. Am 10. November ist er in Berlin gestorben.