Ausgabe August 2005

Katholischer Antisemitismus

"Herr Spiegel, jetzt reicht’s!!!" So beginnt einer der zahlreichen Briefe, die infolge der Dreikönigspredigt des Erzbischofs von Köln, Joachim Kardinal Meisner, beim Zentralrat der Juden eingegangen sind. Der Verfasser beklagt in seinem Brief ein unterstelltes "Wahrheits- und Wertungsmonopol", das "Ihnen nebst Anhängerschaft und Hintermännern" nicht zustünde, um dann – weitere antisemitische Stereotype wie das der Geldgier, der Rachsucht, der Zersetzung oder des Störenfrieds reproduzierend – philosophisch verbrämt die Massenvernichtung der europäischen Juden zu relativieren: "Die Proklamierung des Holocaust als das Absolute schlechthin ist vom gottgläubigen Standpunkt aus Blasphemie; nach Gesichtspunkten freischaffender Vernunft, zu der ich mich bekenne, ist sie eine Absage an Vernunft."

Kardinal Meisners Predigt

Meisners Predigt motivierte nicht nur diesen Briefschreiber dazu, antisemitische Ressentiments zu äußern. In den Wochen und Monaten nach Meisners Predigt gingen mehrere hundert Briefe, Faxe und E-Mails beim Zentralrat der Juden ein (die übrigens von ihren Verfassern oftmals auch in Kopie an das Kölner Erzbistum gesandt wurden), von denen nur ein sehr geringer Anteil nicht antisemitisch war. Über 90 Prozent der Zuschriften strotzten vor Beleidigungen, Denunziationen, Bevormundungen, paranoiden Wahnvorstellungen – und kamen zugleich in ausgesprochen christlichem Duktus daher.

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Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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