Ausgabe Oktober 2005

Die Türkei vor Europa (II)

Europas Aufgabe

In der erhitzten Debatte um den türkischen EU-Beitritt wird von den Gegnern der Eindruck zu erwecken versucht, bei der Türkei handele es sich aus europäischer Sicht um einen geschichtlichen und geographischen Fremdkörper – ohne Verbindung zu Europa. Doch das Gegenteil ist der Fall: Das Gebiet der Türkei war immer ein Kernland europäischer Geschichte und Kultur. Um die Ägäis bis tief nach Anatolien entstanden die griechischen Stadtstaaten. Kaiser Konstantin, der Byzanz seinen neuen Namen gab, brachte dem Christentum den Durchbruch. Später formulierten dort KonziIien den christlichen Glauben, der Europa geprägt hat. Kaiser Justinian schuf in Konstantinopel die Grundlagen des Römischen Rechts, das Europa bis heute bestimmt. Erst die Eroberung und Plünderung der Stadt durch die Venezianer 1204 und die Errichtung des katholischen Kaisertums spalteten die gemeinsame Kultur. Anders als die christlichen Staaten die Muslime achtete das Osmanische Reich die Christen – wie sonst hätte es dort überleben können. Es war Zuflucht für Verfolgte über Jahrhunderte, für spanische Juden nach der Thronbesteigung der katholischen Könige oder deutsche Oppositionelle in der Nazizeit; prominent Berlins späterer Bürgermeister Ernst Reuter.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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