Ausgabe Mai 2006

Montenegro: Referendum als Farce

Zemlja Bogu za ledima wird Montenegro seit jeher bespöttelt: Land hinter Gottes Rücken. Jetzt will es wohl vor Gottes Antlitz treten. Am 21. Mai 2006 sollen 466235 Wahlberechtigte in einem Referendum die Frage beantworten: „Wünschen Sie, dass Montenegro ein unabhängiger Staat mit voller völkerrechtlicher Subjektivität wird?“

Applaus aus dem Ausland kam dafür nur von Kosovo-Albanern. Adem Demaqi, vormaliger politischer Repräsentant der terroristischen UÇK, sieht mit der Zerschlagung der bisherigen Staatengemeinschaft Serbien und Montenegro (SCG) „das Kosovo schneller als erwartet unabhängig werden“.1 Eben diese Aussicht ängstigt den serbischen Präsidenten Boris Tadic: Wenn die SCG zerbricht, entfällt auch die Rechtsgrundlage der UN-Resolution 1244, die dem Kosovo nur eine „substanzielle Autonomie“ innerhalb dieser Staatengemeinschaft zubilligte. Die EU wiederum, derzeit vollauf mit kosovarischen Status-Gesprächen befasst, betrachtet das Referendum nur als Störung.

Cover Mai 2006

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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