Ausgabe Mai 2006

Opfer Österreich

Erinnerungspolitik von Waldheim bis Haider

Gerade erst ist das österreichische Jubiläums-Jubel-Gedenkjahr 2005 – 60 Jahre Zweite Republik, 50 Jahre Staatsvertrag, 10 Jahre EU-Mitgliedschaft – zu Ende gegangen, da kündigt sich bereits ein anderes Jubiläum ganz eigener Art an, welches das offizielle Österreich voraussichtlich weniger frenetisch- patriotisch begehen wird. Schließlich steht die 20jährige Wiederkehr der Waldheim-Affäre diametral im Gegensatz zur letztjährigen Reinszenierung der österreichischen „Erfolgsstory“, mit der die rechtskonservative Regierungskoalition gern auch im Jahr ihrer EU-Ratspräsidentschaft fortfahren möchte.

Zur Erinnerung: Die langjährige Debatte um die Kriegs- und NS-Vergangenheit des Bundespräsidenten und ehemaligen UN-Generalsekretärs Kurt Waldheim war der Auslöser für die nur zögerlich in Gang gekommene Aufarbeitung der nationalsozialistischen Geschichte Österreichs. Damals begannen Politik und Gesellschaft, die österreichische Erfolgsgeschichte mit all ihren Legenden und Mythen zu hinterfragen, woraus Veränderungen in der offiziellen Geschichtspolitik resultierten. Heute reibt man sich ungläubig die Augen; fast könnte man meinen, die Waldheim-Affäre habe niemals stattgefunden. Weder deren 20jährige Wiederkehr noch die Jubiläumsfeierlichkeiten im letzten Jahr wurden zu einer kritischen Selbstreflexion genutzt.

Cover Mai 2006

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Erfahrung der Freiheit: Die Kinder von Tschernobyl

von Olga Bubich

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl traf die armen Regionen in Belarus besonders hart. Gut eine Million Kinder aus den verstrahlten Gebieten konnten über humanitäre Programme jahrelang ein paar Wochen in anderen europäischen Ländern verbringen.