Ausgabe November 2007

Demokratiepreis 2007: Pressestimmen (FAZ und Welt)

Seymour Hersh - Sisyphos der Demokratie. Von Alexander Cammann, Die Welt, vom 28. September 2007 (Wortlaut)

Die Verleihung des „Blätter“-Demokratiepreises an Seymour Hersh am 26. September fand beachtliche Resonanz in Presse, Funk und Fernsehen. Die Reden von Seymour Hersh, Erhard Eppler und Hans Leyendecker erschienen am Tag nach der Preisverleihung in gekürzter Fassung in „Die Zeit“, „Frankfurter Rundschau“ und „Süddeutsche Zeitung“.

Die Verleihung des „Blätter“-Demokratiepreises an Seymour Hersh am 26. September fand beachtliche Resonanz in Presse, Funk und Fernsehen. Die Reden von Seymour Hersh, Erhard Eppler und Hans Leyendecker erschienen am Tag nach der Preisverleihung in gekürzter Fassung in „Die Zeit“, „Frankfurter Rundschau“ und „Süddeutsche Zeitung“. Interviews mit Seymour Hersh brachten Spiegel.online, die taz, der Tagesspiegel und das Neue Deutschland. Über die Preisverleihung berichteten MDR, RBB und SWR. Und am Freitag, den 28. September, sendete „Kulturzeit“ auf 3sat einen Schwerpunkt zu Seymour Hersh mit Aufnahmen von der Preisverleihung. (Eine Auswahl der Pressestimmen ist auf www.blaetter.de zu finden.) Im Folgenden dokumentieren wir die beiden Rezensionen in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und der „Welt“. – D. Red.

Seymour Hersh – Sisyphos der Demokratie Von Alexander Cammann, „Die Welt“, vom 28. September 2007 (Wortlaut)

Am Pariser Platz in Berlin rüstet man sich für den Ernstfall. Gleich neben dem Brandenburger Tor entsteht hier seit geraumer Zeit eine Art überirdischer Bunker. Er heißt „Botschaft der Vereinigten Staaten“. Eine Botschaft als Bunker: Wer wissen will, wie sich Amerika und die Welt nach dem 11. September 2001 verändert haben, braucht nur auf dieses steinerne Symbol zu schauen. Das Mutterland der Freiheit hat sich eine Trutzburg als architektonische Visitenkarte gewählt, an einem der zentralen öffentlichen Orte Berlins. Schräg gegenüber auf der anderen Seite des Platzes tröstet immerhin der Anblick der egalitären, frei zugänglichen „Starbucks“-Filiale. Zwei Häuser neben dem Rohbau der amerikanischen Vertretung ehrte man am Mittwochabend einen der explosivsten Bunkerbrecher im Kampf gegen die Washingtoner Bunkermentalität. Seymour Hersh, siebzigjährige Reporterlegende des „New Yorker“, nahm in der Akademie der Künste den alle drei Jahre vergebenen und mit 5000 Euro dotierten „Demokratiepreis“ entgegen, den die Zeitschrift „Blätter für deutsche und internationale Politik“ seit zwanzig Jahren vergibt.

Die gläserne Hülle des Behnisch-Baus konnte dabei wiederum als Symbol herhalten. Denn für Transparenz kämpft der Pulitzer-Preisträger seit vierzig Jahren; die Fassaden der Macht im Weißen Haus, im Pentagon und auf dem Kapitolshügel will er durchsichtig machen. Er war es, der 1969 als erster über Massaker der amerikanischen Truppen im vietnamesischen My Lai berichtete und 2004 über den Folterskandal in Abu Ghraib. US-Präsident Richard Nixon zählte ihn zu den journalistischen „Bastarden“, die „schlimmer als die Kommunisten“ seien. Für Bushs Ex-Berater Richard Perle kommt Seymour Hersh „im amerikanischen Journalismus dem am nächsten, was man einen Terroristen nennt“.

Bis auf den letzten Platz war der Saal gefüllt. Das Publikum suchte in diesem „muckraker“ („Dreckaufwühler“) ein anderes Amerika als jenes, das die Bush-Regierung seit 9-11 verkörpert. Erhard Eppler, Theorie-Nestor der Sozialdemokratie, war von der Friedrich-Ebert- Stiftung herübergeeilt, wo er zuvor ermatteten Genossen ebenfalls recht müde den Entwurf zum neuen SPD-Grundsatzprogramm erläutert hatte. Nunmehr wach geworden angesichts der Frage von Krieg oder Frieden, erinnerte der frühere Vordenker der Friedensbewegung an die Risiken, die der Begriff „war on terrorism“ mit sich brächte: Terroristen würden zu Kriegern erklärt, was eine totale Ausweitung der Verbrecherjagd zur Folge hätte. Der andere Laudator, Hans Leyendecker von der „Süddeutschen Zeitung“, sah in Hersh einen „unnaiven Romantiker, der noch an die Wahrheit glaubt“: ein „Sisyphos der Demokratie“, der die Mächtigen kontrollieren wolle. Die Schwierigkeiten des investigativen Journalismus hierzulande lägen nur zum Teil an grassierenden Einsparungen in Redaktionsetats: Für Rechercheure sei es schwierig, ein Publikum zu finden, das etwas Neues hören wolle.

Der auf sympathische Weise freche Preisträger lieferte in seiner Dankrede eine gute Show. Seine heftige und zugleich unterhaltsame Generalabrechnung mit der Bush-Administration betraf die militärische Taktik im Irak, drohende Iran-Abenteuer, aber vor allem das innere Klima in den Vereinigten Staaten: das Versagen der Medien und jene gegen Kritik immune politischen Führer, die lügen, verfälschen und manipulieren. „Ich lebe und sterbe für Worte“: im unpathetisch vorgebrachten Credo Hershs konnte man die Ursache für die Rastlosigkeit des Rechercheurs erkennen. Im April 2003 hatte Jürgen Habermas, Mitherausgeber der „Blätter für deutsche und internationale Politik“, gewohnt zugespitzt verkündet: „Die normative Autorität Amerikas liegt in Trümmern.“ Wenn dieses Diktum sich als vorschnell erweist, so liegt das nicht zuletzt an amerikanischen Patrioten wie Seymour Hersh.

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