Ausgabe November 2007

Kommentare

Adenauers Urenkelin

Nachdem die SPD soeben in Hamburg ihr neues Parteiprogramm verabschiedet hat, wird die CDU es ihr in einem Monat in Hannover gleichtun. Doch was der SPD erst nach schweren Mühen und diversen Rückrufaktionen gelang, dürfte die Union spielend bewerkstelligen – in großer Geschlossenheit ein Programm zustande zu bringen, um dieses umgehend wieder zu vergessen.

Sieben Millionen ohne Arbeit

Offensichtlich geht Deutschland wieder rosigen Zeiten entgegen. Die Medien verkünden jedenfalls allenthalben eine neue Entspannung am Arbeitsmarkt. Besonders überschießend, wen kann es verwundern, agiert dabei die „Bild“-Zeitung.

Bergab am Hindukusch

Bedenken hin oder her – es geht weiter wie gehabt in Afghanistan. In namentlicher Abstimmung beorderten 453 oder drei von vier Mitgliedern des Bundestags am 12. Oktober die bis zu 3500 deutschen Soldaten für ein weiteres Jahr zum Dienst am Hindukusch. Eine geschickte Regie hatte im Vorfeld die Weichen gestellt.

Ukrainischer Karneval

Am 30. September 2007 waren 37 Millionen Ukrainer zur Wahlurne gerufen – schon zum vierten Mal binnen drei Jahren. Diesmal standen, erstmals seit der Unabhängigkeit 1991, vorgezogene Neuwahlen zum Parlament an.

Neue Bewegung im Pazifik

Am 12. September war Shinzô Abes Traum vom „Beautiful Japan“ ausgeträumt. Der visionäre Premierminister, der ein neues, „schönes Japan“ schaffen wollte, das allerdings viele Züge des imperialen Vorkriegsjapan getragen hätte, verfiel nach der desaströsen Oberhauswahlniederlage vom 29.

Birmas erstaunliche Stabilität

„Burma explodes“ – Birma explodiert, kommentierte der Menschenrechtsaktivist Aung Zaw in der im Exil herausgegeben Zeitung „The Irrawaddy“1 die Demonstrationen von Ende September.

Die Aufklärerin der Demokratietheorie

Hat die Kritische Theorie eine eigenständige Rechts- und Demokratietheorie ausgebildet? Für die erste Generation der Frankfurter Schule mag man das bestreiten. Rechtstheoretiker wie Franz Neumann gehörten nie zum inneren Kreis, und ihre Verteidigung bürgerlicher Innovationen wie des rechtsstaatlichen Formalismus fand dort wenig Resonanz.

Die große Fremde

Irene Runge, die damals noch Irene Alexan heißt, ist sieben Jahre alt, als ihre Eltern mit ihr aus dem New Yorker Exil nach Berlin zurückkehren. In jenem Jahr wurde die DDR gegründet. Als sie zehn ist, bekommt sie ein Radio geschenkt und hört nachts heimlich unter der Bettdecke den amerikanischen Sender AFN. Sie erinnert sich an das Heimweh nach New York.

Dich singe ich, Demokratie

Als ich Micha vor mehr als 35 Jahren, ich glaube es war 1970, kennen lernte, kam er gerade aus Israel zurück, wo er zwei Jahre gelebt hatte, und wir haben, während wir ein Stück Wegs gemeinsam über die Bockenheimer Landstraße Richtung Frankfurter Innenstadt liefen, sofort angefangen, zu diskutieren.

Medienkritik

Ein Abgrund an Liebesverrat

Jede Reform hat ihre Verlierer. Doch diesmal gilt es einer besonderen Leidensgeschichte zu erinnern, die sich im vergangenen Monat ereignete: die der „klugen Köpfe“ dieses Landes, der Leser der F.A.Z.Zum Hintergrund: Am 5. Oktober erschien die „Zeitung für Deutschland“ in völlig neuem Erscheinungsbild, auf neudeutsch: relaunched.

Analysen und Alternativen

Unsere ganz alltägliche Vergiftung

Gammelfleisch im Döner, zu viele Pestizide in Obst, Gemüse und Küchenkräutern – derartige Nachrichten erscheinen uns mittlerweile so alltäglich wie der Wetterbericht. Aber wie kann das sein – haben wir Verbraucher denn keine Rechte?

Jenseits der Spekulationskrise

Niemand weiß, wie lange die weltweite Finanzkrise noch dauern wird, die ziemlich harmlos als Schieflage im amerikanischen Markt für zweitklassige Hypotheken begonnen hat. Auch weiß niemand, welche Folgen für das Wachstum, die Beschäftigung und den Lebensstandard der Menschen sie noch mit sich bringt.

Sisyphos der Demokratie

„Wir haben es hier mit einem Gegner zu tun, der schlimmer ist als die Kommunisten. [...] Die wollen uns drankriegen. [...] Was ich, ehrlich gesagt, nie bedacht habe, war, wie weit diese Bastarde gehen würden. [...] Es ist mir wurscht, wie es gemacht wird. Tut nur, was getan werden muss, um diese undichten Stellen zu stopfen. Ich will nicht hören, warum es nicht möglich ist.

Angriffe auf den Krieg

„Meine Eltern waren Einwanderer. Sie kamen, weil Amerika etwas bedeutete, die Freiheitsstatue und all das. Weil Amerika die Bastion der Moral und der Integrität war, weil man da neu anfangen konnte.

Die Brüchigkeit der Demokratie

Lassen Sie mich, meine Damen und Herren, mit dem Allerwichtigsten anfangen. Die schlechte Nachricht lautet heute: King George Bush dem Zweiten verbleiben noch 481 Tage an der Regierung. Und die gute Nachricht? Morgen früh, wenn wir aufwachen, wird es ein Tag weniger sein. Hoffnungsträchtigeres hat die gute Nachricht, fürchte ich, nicht zu bieten.

Wo bleibt die Klimabewegung?

Eigentlich hätte es des diesjährigen Nobelpreises für den ehemaligen USVizepräsidenten und zur Zeit wohl bekanntesten Umweltaktivisten Al Gore und den klimapolitischen Sachverständigenrat der Vereinten Nationen, das Intergovernemental Panel on Climate Change, kurz: IPCC,1 nicht mehr bedurft, um eines zu wissen: Der rapide Klimawandel gehört zu den wichtigsten Mensc

Eine ganz andere Weltzivilisation denken

Am 24. September wählte der französische Sozialphilosoph André Gorz gemeinsam mit seiner schwerkranken Frau Dorine in ihrem Haus in Vosnon (Aube) den Freitod. Damit endete das Leben jenes Intellektuellen, der wie wohl kein zweiter die geistige Entwicklung der west-europäischen Linken in den letzten drei Dekaden des vergangenen Jahrhunderts beeinflusst hat.

Wirtschaftsinformation

25 Jahre kommerzielle Gentechnik

Die Kommerzialisierung neuer Biotechnologien, deren wesentliches Merkmal die gezielte Bearbeitung und Rekombination lebender Organismen oder ihrer zellulären und subzellulären Bestandteile ist, kann auf eine mittlerweile 25jährige Geschichte zurückblicken, die 1982 mit der Markteinführung von Humaninsulin als dem ersten gentechnisch hergestellten Produkt begann.

Dokumente zum Zeitgeschehen

Der Fall Murat Kurnaz: Staatsräson vor Menschenrecht

Fünf Jahre lang wurde der Bremer Murat Kurnaz rechtlos im us-amerikanischen Gefangenenlager auf Guantánamo festgehalten, nachdem er in Pakistan gegen ein Kopfgeld als vermeintlicher Terrorist an die US-Armee verkauft worden war. In seinem in diesem Jahr erschienenen Buch „Fünf Jahre meines Lebens.

Demokratiepreis