Ausgabe November 2008

Kommodes Gedenken

Die Erinnerungskultur des vereinten Deutschlands

Gedenktage sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Sie beginnen immer früher und dauern immer länger. Tatsächlich handelt es sich immer öfter eher um Gedenkwochen. Publikum und Akteure der Erinnerungskultur sind schon lange daran gewöhnt, dass – ich übertreibe nur wenig – einem beim Aufschlagen der Zeitung fast täglich ein NS-Jahrestag begegnet. Inzwischen häufen sich aber auch Diagnosen, die von „Abnutzungserscheinungen“ 1 der Erinnerungskultur sprechen, manche sehen ein „inflationäres Gedenken“. 2

Leben wir also, um den Gedanken zuzuspitzen, heute schon in einer kommoden Erinnerungskultur? Und in welchem Verhältnis stehen die an und mit politischen Gedenktagen vermittelten Geschichtsbilder zur Gegenwart? Ist daran noch irgendetwas eine Zumutung, gar eine Provokation?

Eine „kommode Erinnerungskultur“ soll jene Kultur öffentlichen Erinnerns und Gedenkens heißen, die den Akteuren und dem Publikum wenig Unangenehmes aus dem historischen Schreckensfundus zumutet, die es sich bequem macht in Geschichtsbildern, deren moralische und politische Stacheln immer kleiner, immer stumpfer und immer folgenloser sind. Solch eine gemütliche Erinnerungskultur, solch ein müheloses Gedenken tut niemandem weh. Über die Ursachen und die Motive der Beteiligten ist damit noch nichts gesagt.

Ich verwende den Begriff der „kommoden Erinnerungskultur“ ausdrücklich im neutralen Sinne.

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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