Ausgabe November 2009

Aufrichtig lügen

Vom Feudalismus über den Sozialismus zum Kapitalismus

Aufrichtigkeit – natürlich war das Thema für die Gesellschaft, in der ich vor 1989 lebte, relevant. In einer Gesellschaft wie der ostdeutschen, die ein umfängliches Spitzelunwesen ertragen musste, zählte aufrichtiges Sprechen und Handeln zu den Kardinaltugenden des anständigen Bürgers. Es war schwierig, jederzeit aufrecht durch die Welt zu gehen, und deshalb war es wichtig, unverzichtbar. Sollte der Gesellschaft das an sich dem Staat zudiktierte Schicksal, nächstens abzusterben, erspart bleiben, mussten die Menschen Inseln herrschaftsfreier Kommunikation gründen und behaupten. Was zu allen Zeiten, auch den düstersten, gelungen war, gelang auch in der DDR, man weiß es heute und wusste es zuvor; hier gab es kein Geheimnis zu lüften.

Doch was authentisches Begehren und Verhalten „ist“, versteht nur, wer seine Vorgeschichte kennt. Die Kultur der Aufrichtigkeit überschritt ihren Zenit am Ende des 18. Jahrhunderts. Die Utopie des „wahren“ Menschen prallte an der sozialen Welt, seit sie Systemcharakter angenommen hatte, wie an einer Mauer ab und ging „nach Hause“.

Aufrichtigkeit im 18. Jahrhundert – das war ein kultureller Aufstand mit hohem Unterhaltungswert, ein Spektakel; da fochten die besten Köpfe der Zeit mit schillernden Gegnern. Aufrichtigkeit in der DDR – das war die protestantische Reprise, Anstand vor Aufstand, aus guten Gründen.

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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