Ausgabe April 2010

Die Schlacht der Silberpfeile

Wenn das der Führer wüsste: Unser Schumi wurde beim ersten Formel-1-Rennen dieses Jahres nur Sechster. Und das mit einem jener mythischen Silberpfeile, einem Auto, von dem die FAZ zu schreiben weiß: „Der Silberpfeil ist eine Marke, die alles überlebt hat: das Dritte Reich, die Unfallkatastrophe von Le Mans 1955 und die folgende jahrzehntelange Abwesenheit vom Renngeschehen.“ Das kann doch einen Silberpfeil nicht erschüttern, hätte Hans Albers gesungen, wenn er denn noch sänge. Und richtig: „Als der Mercedes-Pilot (Schumacher) 101 Minuten später um 14.44 Uhr als Sechster die Ziellinie überquerte, hatten 11,62 Millionen Zuschauer die RTL-Live-Übertragung eingeschaltet – das war zugleich der Spitzenwert des Rennens. Der entsprechende Marktanteil betrug 51,8 Prozent“, triumphierte der FOCUS.

Denn ebendarum geht es: Um Marktanteile der Nobel-Automarke Daimler, die im letzten Jahr 20 Prozent weniger Umsatz verzeichnen musste. Deshalb setzt die Marketingabteilung des Unternehmens jetzt ganz entschieden auf Silber: „Der Wille zum Wettbewerb äußert sich auch und gerade im Engagement von Mercedes-Benz im Motorsport. Hier zeigt sich bei jedem Rennen, wer an der Spitze fährt: Technik, Team und Taktik spielen Hand in Hand.“ Schon 1936 wusste der Rennfahrer von Brauchitsch, dass mit den Silberpfeilen der Triumph des Willens seine Erfüllung fand: „Mein Führer. [...] Wenn in den letzten Jahren die deutschen Rennwagen von Sieg zu Sieg geeilt sind [...], so ist das nicht so sehr unser Verdienst oder das Verdienst der Industrie, sondern in erster Linie Ihr Werk. [...] Sie haben uns den Glauben an die deutsche Zukunft wiedergegeben.“

Tatsächlich aber könnte die deutsche Automobilindustrie den Glauben an die Zukunft verlieren, denn eine jüngste Studie des „Center of Automotive“ belegt: „Die emotionale Bindung der jungen Generation an das Statussymbol Auto lässt deutlich nach.“

Umso erfreulicher die Rückkehr des Silberpfeils, wie der „Bayerische Rundfunk“ berichten kann: „Es sei legendär, raunen die Fans, historisch, wispern die Experten, genial, flüstern die Medienleute – die Silberpfeile sind zurück.“ Zugleich beschwört der Daimler-Konzern in jugendlichem Deutsch: „Das Engagement reflektiert positiv auf die Marke, was die Kosten rechtfertigt“. Und das ist auch bitter nötig, denn die traurige Studie vermerkt weiter, dass sich bei den jungen Leuten eine „neue Rationalität in Hinblick auf das Automobil breit“ macht.

Noch fehlt die Antwort aus dem Kanzleramt auf den Schumacher-Appell: „Vielleicht sollten wir eine Petition an Angela Merkel senden, die deutsche Flagge silbern zu machen.“ Immerhin wusste die Kanzlerin zu antworten: „Sie haben Ihre Sportart, so glaube ich, durch einen Hauch Genialität bereichert.“ Es könnte ebenjener Hauch sein, der der schwarz-gelben Koalition auch mit einer Mund-zu-Mund-Beatmung nicht einzublasen ist. In Afghanistan wie an der Heimatfront ist deshalb jenes Durchhaltevermögen nötig, dass der geniale Medienmann F. J. Wagner in der „Bild“-Zeitung auf den großen Rennfahrer projiziert: „Schumi hat sich nie begriffen, Sechster zu sein [Was für ein Deutsch!?]. Ich denke, wir werden Kämpfe erleben, die wir nie vergessen. Bahrain war der Anfang. Jetzt geht es los.“

Oder, wie die deutsche Wochenschau in den 30ern an der AVUS beschwor: „Die große Schlacht hat begonnen. Der kleinste Fehler gefährdet Leben und Sieg.“ Das wiederum könnte auch als sachdienlicher Hinweis auf die Wahlen in NRW interpretiert werden.

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