Ausgabe Dezember 2011

Die Macht und der "ZEIT"-Geist

Als nach der Bundestagswahl 2009 das desaströse Ergebnis von 23 Prozent für die SPD bekannt gegeben wurde, schien einer ganz besonders entgeistert: Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der Hamburger Wochenzeitung „DIE ZEIT“, hielt fast tonlos „das Ende der Helmut-Schmidt-SPD“ für gekommen. Sein Gegenüber im ZDF-Wahlstudio, „Focus“-Chefredakteur Helmut Markwort, konnte da nur milde schmunzeln.

Nun gut, es wäre in der Tat nur konsequent gewesen, hätte Frank-Walter Steinmeier als der große Wahlverlierer seinen Hut genommen und den Weg für unverbrauchte Kräfte frei gemacht. Doch was folgte, ist bekannt: Wenige Wochen später war Steinmeier selbsternannter Fraktionsführer und wäre wohl auch Parteivorsitzender geworden, wenn nicht ein machtbewusster Sigmar Gabriel die Gunst der Stunde genutzt und den Parteivorsitz für sich reklamiert hätte. Doch wer geglaubt hat, dass eine derartige Form der Selbst-Inthronisation einer Partei, die sich nicht nur sozial, sondern auch demokratisch nennt, eigentlich unwürdig ist, sieht sich keine zwei Jahre später eines Schlechteren belehrt: Das Gegenteil ist der Fall; das Modell macht Schule.

Nach Frank-Walter Steinmeier hält nun auch der Zweite der „Stones“, Peer Steinbrück, seine Zeit für gekommen. Er initiierte eine PR-Kampagne in eigener Sache, die es in sich hatte: Vom „Spiegel“-Titel bis zum Auftritt bei Günther Jauch – kein Medium wollte an der neuen Lichtgestalt der SPD vorbei. Doch ihren Höhepunkt, wen wunderts, erreichte die Welle erst in Helmut Schmidts und Giovanni di Lorenzos „Zeit“, der Steinbrück schon eine Weile als Hausautor verbunden ist.

Zunächst kündigte der Chefredakteur in seiner wöchentlichen Video-Botschaft Großes an: „Liebe Leserinnen, liebe Leser. Diese Ausgabe steht ziemlich im Zeichen von zwei ziemlich weise wirkenden Männern.“ Dann kürte der Ex-Kanzler auf dem Titelblatt prompt seinen Nachfolger: „Er kann es.“

Irgendwann allerdings schwante es selbst der „Zeit“-Redaktion, dass man ein wenig überreizt haben könnte. Schließlich hatte soeben erst Renate Künast in Berlin bewiesen, wie schwer es ist, auch nur ein knappes Jahr die Spannung als Ankündigungsregentin zu halten. Und wer möchte schließlich gleich zwei Jahre lang Peer-Steinbrück-Festspiele ertragen?

Die amüsante Konsequenz: Während auf den hinteren Seiten Helmut Schmidt vehement für seinen Schachpartner optierte, durfte wenige Seiten zuvor „Zeit“-Redakteur Peter Dausend darüber sinnieren, ob es sich vielleicht doch um eine Kampagne zur Unzeit handelt – und bei Peer Steinbrück um einen bereits totgerittenen Gaul.

Welch Missgeschick! Welche Zeitung hielte sich schließlich nicht gerne ihren eigenen Kanzler – ob pensioniert oder, besser noch, aktiv. Doch auch hier ist die kluge „Zeit“-Redaktion um eine Lösung des Problems nicht verlegen. Derweil die schwarz-grüne Fraktion um Vize-Chef Bernd Ulrich ohnehin in erster Linie um das Wohlergehen der Kanzlerin besorgt ist, haben sich die etwas härteren Jungs um Herausgeber Josef Joffe nun auch adäquat verstärkt: nämlich mit Stefan Aust, „Spiegel“-Chef in der neoliberalen Ära und eher ein Mann fürs Grobe als eine Edelfeder, aber vor allem Duzfreund von Ex-Kanzler Gerhard Schröder.

Damit ist eines jedenfalls klar: Nun kann mit der Macht bestimmt nichts mehr schief gehen – auf dass sie auch in Zukunft immer schön mit dem Zeitgeist im Bunde sei, die neue Schmidt-Schröder-Merkel-Steinbrück–ZEIT.

 

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