Ausgabe Juni 2020

Normale Anomalie

Die Coronakrise als Zäsur und Chance

Die Coronakrise hält die Welt in Atem und verändert das Leben in rasendem Tempo. Vermeintlich fest verankerte Gewiss- und Gewohnheiten werden über Bord geworfen, Grundrechte und -regeln außer Kraft gesetzt, in Friedenszeiten historisch beispiellose und für Nachkriegsgenerationen eigentlich undenkbare Restriktionen individueller Freiheiten von den staatlichen Exekutiven beschlossen. Fest steht: Die Coronakrise ist eine neu- und einzigartige Krise. Dabei sind Krisen in modernen kapitalistischen Gesellschaften eigentlich nichts Außergewöhnliches, ganz im Gegenteil: Krisen sind in der Moderne geradezu omnipräsent. Aufgrund der Allgegenwart des Krisenbegriffs hat der Historiker Reinhart Koselleck einst sogar behauptet, dass sich die Krise „zur strukturellen Signatur der Neuzeit“ entwickelt habe.[1]

Tatsächlich gibt es wohl keinen anderen Begriff, der den öffentlichen Diskurs in vergleichbarer Weise prägt. Krisendiagnosen haben eine gewissermaßen permanente Konjunktur. Fortlaufend werden Ereignisse und Entwicklungen als krisenhaft beschrieben, der Krisenbegriff wird geradezu inflationär verwendet. Dafür gibt es zwei, eigentlich höchst widersprüchliche Gründe: Einerseits besitzt das Etikett der Krise als metaphorisches Instrument das Potential, pointiert und alarmierend auf gesellschaftliche Problemlagen aufmerksam zu machen.

Juni 2020

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In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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