Ausgabe Dezember 2023

Wissenschaftlich exakt, politisch unbrauchbar?

Zur geologischen Definition des Anthropozäns

Strommasten und Windräder rund um das Kohlekraftwerk Neurath des Stromkonzerns RWE, 1.8.2022 (IMAGO / Panama Pictures)

Bild: Strommasten und Windräder rund um das Kohlekraftwerk Neurath des Stromkonzerns RWE, 1.8.2022 (IMAGO / Panama Pictures)

Der Begriff Anthropozän beschreibt den tiefgreifenden Einfluss des Menschen auf die Erde und somit Veränderungen von planetarischer Dimension. Trotzdem soll die Entstehung dieses Erdzeitalters bald offiziell an einem konkreten Ort ablesbar sein, nämlich am Grund eines kanadischen Sees – jedenfalls wenn es nach der „Anthropocene Working Group“ (AWG) der „International Commission of Stratigraphy“ (ICS) geht. Sie einigte sich am 11. Juli 2023 auf einen Referenzort für das Anthropozän, wie es auch für andere Erdzeitalter üblich ist. Unter zwölf Vorschlägen – darunter auch der Wiener Karlsplatz – für einen solchen Ort, der mit einer goldfarbenen Metallplakette, einem „Golden Spike“ markiert wird, fiel die Wahl auf das Sediment des Crawford Lake im kanadischen Ontario. Dort soll sich idealtypisch die geologische Veränderung der Erde durch den Menschen zeigen und auch zukünftig überprüfen lassen. Das Gremium ist damit der Ausrufung einer neuen erdzeitlichen Epoche einen entscheidenden Schritt nähergekommen.

Kein anderer Begriff bahnte sich in den letzten Jahren einen so fulminanten Weg von den Earth Sciences in andere Natur-, aber auch Geistes- und Sozialwissenschaften wie der des Anthropozäns. Er prägt auch politisch-gesellschaftliche Debatten und inspirierte zahlreiche künstlerische Auseinandersetzungen.

»Blätter«-Ausgabe 12/2023

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