Ausgabe November 2025

Warnungen aus Weimar

Wie der Opportunismus der Parteien Autokraten an die Macht bringt

Auf Initiative von Alfred Hugenberg traf sich am 11. Oktober 1931 in Bad Harzburg die »Nationale Opposition« zu einer Großveranstaltung. Hitler machte seinen Willen deutlich, sich in einer breiten Rechtsfront nicht unterzuordnen (IMAGO / TT)

Bild: Auf Initiative von Alfred Hugenberg traf sich am 11. Oktober 1931 in Bad Harzburg die »Nationale Opposition« zu einer Großveranstaltung. Hitler machte seinen Willen deutlich, sich in einer breiten Rechtsfront nicht unterzuordnen (IMAGO / TT)

Am 23. März 1933 versuchte Ludwig Kaas in einem schummrigen Raum, der nach abgestandenem Zigarrenrauch roch, sich selbst davon zu überzeugen, dass er die richtige Entscheidung traf. Als katholischer Priester und Vorsitzender der etablierten Deutschen Zentrumspartei stand er an einem Scheideweg. Mehrere Jahre lang hatte seine Partei versucht, den Aufstieg Adolf Hitlers zu verhindern. Doch 1932 stiegen die Nationalsozialisten zur stärksten Kraft im Parlament auf, und im Januar 1933 wurde Hitler Reichskanzler. Als er sich daran machte, seine Macht zu festigen, blieb schließlich die Zentrumspartei als letztes verbleibendes Hindernis für sein Streben nach der totalen Kontrolle über Deutschland übrig.

Hitler hatte das Ermächtigungsgesetz eingebracht, das ihm und seinem Kabinett weitreichende Befugnisse zur Herrschaft per Dekret einräumte und damit die Demokratie in ihrem Kern zerstörte. Das Gesetz benötigte eine Zweidrittelmehrheit, um verabschiedet zu werden. Die Sozialdemokraten – die einzige andere bedeutende Gruppe von Parlamentariern, die noch grundsätzlich die Demokratie unterstützte – waren zu wenige, um es allein zu verhindern. Wenn auch die Zentrumspartei Widerstand leisten würde, könnte sie die Verabschiedung des Gesetzes blockieren.

Aber Kaas zögerte. Er fürchtete sich davor, was passieren könnte, wenn seine Partei sich den Nazis widersetzte.

»Blätter«-Ausgabe 11/2025

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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