Ausgabe März 2026

Heimatlos im Anthropozän

Alfred Hirsch: Heimatweh. Eine philosophische Erzählung. Cover: Karl-Alber-Verlag

Bild: Alfred Hirsch: Heimatweh. Eine philosophische Erzählung. Cover: Karl-Alber-Verlag

Die ganze Dringlichkeit des Buches »Heimatweh« von Alfred Hirsch erschließt sich in einer verstörenden Erfahrung, auf die bereits das Titelfoto hinweist, die der Autor aber erst gegen Ende explizit macht. Zu sehen ist eine menschenleere Straße, die auf eine kleine Ansiedlung mitsamt Kirchturm führt – ein Lebensumfeld, das kurz davorsteht, im tiefsten Grunde erschüttert zu werden. Es geht um den Verlust einer Heimat im rheinischen Braunkohlerevier, die nicht nur dem Erdboden gleichgemacht wird, so wie auch Wirbelstürme, Kriege oder natürliche Erosion dies vermögen, sondern die abgebaggert werden soll, bis hunderte Meter tief ins Erdreich hinein. Nicht einmal Ruinen werden von dem Ort auf dem Foto bleiben, an dem Individuen und Gemeinschaften über Jahrhunderte hinweg ihr Leben zubrachten. Übrig bleibt einzig eine Industriebrache, ein riesiges Baggerloch, in dem »Ort und Zeit der Vergangenheit ausgelöscht« sind. 

Die Moderne, die hier in ihrer industriellen Ausprägung in den Blick kommt, markiert den Ausgangspunkt für Hirschs Überlegungen zu einem »Heimatweh«. Das weitet er im Gang der Untersuchung vom Zurücksehnen nach einem besonderen, vertrauten Lebensumfeld zu einem vielschichtigen und dabei oft paradoxen Phänomen des Sehnens nach Heimat. 

Bezeichnend ist, dass es bei Hirsch gerade Paradoxa, Widersprüche und Zirkularitäten sind, aus denen Heimat sich konstituiert.

»Blätter«-Ausgabe 3/2026

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In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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