Ausgabe März 2026

Postzionismus und Opferkonkurrenz

Warum die Vergangenheit nicht die Zukunft determinieren darf

Eva Illouz, 17.10.2024 (IMAGO / dts Nachrichtenagentur)

Bild: Eva Illouz, 17.10.2024 (IMAGO / dts Nachrichtenagentur)

Ungeachtet der Beendigung des Gaza-Krieges ist die Region von einem Frieden weit entfernt. Unvermindert wirken die tiefen Verletzungen und Traumata. Wie aber müsste eine friedliche Zukunft beschaffen sein? Und welche Rolle spielt dabei der Postzionismus?

Dieter Thomä: Was halten Sie von der These, dass es sich bei der Vorsilbe »post« um die erfolgreichste Erfindung in den Geistes- und Sozialwissenschaften nach 1945 handelt?

Eva Illouz: Sie hat tatsächlich eine geradezu unheimliche Karriere gemacht. Das hat wohl damit zu tun, dass die sogenannten Postismen nicht nur ein Danach-Kommen, sondern auch ein Darüber-hinaus-Gehen in Aussicht stellen. Sie erklären sich zum Urheber neuer Ideen oder kultureller Schöpfungen. 

Thomä: Der Anspruch auf Überwindung spielt sicher eine wichtige Rolle. Dennoch wirkt es auf mich arg zaghaft, das, was man hinter sich lassen will, in der Eigenbezeichnung beizubehalten und nur ein »post« voranzustellen. Wäre es nicht konsequenter zu sagen: »Wir wollen es anders machen, und dafür wählen wir einen neuen Namen«?

Illouz: Aus diesem Grund glaube ich, dass wir es hier mit einem soziologischen Phänomen zu tun haben. Die Vorsilbe »post« dient dem Zweck, Wettbewerber beiseitezuschieben und den etablierten Kanon herauszufordern. Es handelt sich dabei um einen verbreiteten Zug im kulturellen und intellektuellen Feld, welches sich laufend erneuern muss. 

Thomä: Das klingt nach Pierre Bourdieu.

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In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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