Ausgabe März 2026

Postzionismus und Opferkonkurrenz

Warum die Vergangenheit nicht die Zukunft determinieren darf

Eva Illouz, 17.10.2024 (IMAGO / dts Nachrichtenagentur)

Bild: Eva Illouz, 17.10.2024 (IMAGO / dts Nachrichtenagentur)

Ungeachtet der Beendigung des Gaza-Krieges ist die Region von einem Frieden weit entfernt. Unvermindert wirken die tiefen Verletzungen und Traumata. Wie aber müsste eine friedliche Zukunft beschaffen sein? Und welche Rolle spielt dabei der Postzionismus?

Dieter Thomä: Was halten Sie von der These, dass es sich bei der Vorsilbe »post« um die erfolgreichste Erfindung in den Geistes- und Sozialwissenschaften nach 1945 handelt?

Eva Illouz: Sie hat tatsächlich eine geradezu unheimliche Karriere gemacht. Das hat wohl damit zu tun, dass die sogenannten Postismen nicht nur ein Danach-Kommen, sondern auch ein Darüber-hinaus-Gehen in Aussicht stellen. Sie erklären sich zum Urheber neuer Ideen oder kultureller Schöpfungen. 

Thomä: Der Anspruch auf Überwindung spielt sicher eine wichtige Rolle. Dennoch wirkt es auf mich arg zaghaft, das, was man hinter sich lassen will, in der Eigenbezeichnung beizubehalten und nur ein »post« voranzustellen. Wäre es nicht konsequenter zu sagen: »Wir wollen es anders machen, und dafür wählen wir einen neuen Namen«?

Illouz: Aus diesem Grund glaube ich, dass wir es hier mit einem soziologischen Phänomen zu tun haben. Die Vorsilbe »post« dient dem Zweck, Wettbewerber beiseitezuschieben und den etablierten Kanon herauszufordern. Es handelt sich dabei um einen verbreiteten Zug im kulturellen und intellektuellen Feld, welches sich laufend erneuern muss. 

Thomä: Das klingt nach Pierre Bourdieu. 

Illouz: Ja, genau. Es geht um Distinktion1 und darum, das Feld zu beherrschen, indem man sich heraushebt. 

Thomä: Sie haben gerade gesagt, dass der »post«-Weg das Danach-Kommen und das Darüber-hinaus-Gehen in sich vereint. Täuscht mein Eindruck, dass diese Beobachtung direkt auf die Analyse des Postzionismus angewandt werden kann? 

Illouz: Der Postzionismus steht für zwei verschiedene Dinge: zum einen für einen objektiven zeitlichen Prozess, für gewisse Veränderungen und Entwicklungen, zum anderen für den Versuch, eine etablierte Interpretation geschichtlicher Ereignisse hinter sich zu lassen und Neuland zu betreten. Das heißt konkret, dass der Postzionismus erst einmal für das Ende einer Epoche steht, freilich das, was früher war, weiter in sich enthält. Sah der Zionismus seine Aufgabe darin, Israel aufzubauen, wird mit dem Erreichen dieses Ziels objektiv eine Nachzeit oder »post«-Phase eingeläutet. Insoweit ist die Bedeutung von »post« neutral, denn es wird weder eine alternative Sicht des Zionismus noch eine Alternative zum Zionismus artikuliert. Aber es gibt – wie gesagt – noch eine zweite, ambitioniertere, normative Deutung des Postzionismus. Vor allem Historiker und Soziologen haben sich unter dem Banner des Postzionismus versammelt, um ein fest verankertes Narrativ zu erschüttern.2 Sie haben in den 1980er und 1990er Jahren die palästinensische Perspektive in die Geschichte Israels einbezogen. Dabei standen sie unter dem Eindruck einer neuen Wirklichkeit, die durch die erste Intifada, die Invasion Israels in den Südlibanon 1982 und später durch das Scheitern des Oslo-Friedensprozesses gekennzeichnet war. Unter dem Eindruck dieser objektiven politischen und militärischen Ereignisse wollten einige Israelis die klassische Erzählung des Zionismus revidieren, die als Heldengeschichte der Unabhängigkeit angelegt war. 

Der Postzionismus steht für das Ende einer Epoche, enthält aber das, was früher war, weiter in sich.

Thomä: Lassen Sie mich kurz zu der ersten Bedeutung des Postzionismus zurückkehren. Mir scheint, dass dieser scheinbar unauffälligen Lesart geschichtlicher Prozesse gelegentlich ein kritischer Dreh verpasst wird. Ich denke zum Beispiel an eine ziemlich garstige Bemerkung des Historikers Daniel Gutwein, der behauptet, dass der »Postzionismus die umfassendste Version der Ideologie der Privatisierung in Israel« darstelle und sich einer Vernachlässigung des »kollektiven Ethos« schuldig mache.3 Man könnte sagen, dass der Postzionismus hier dazu benutzt wird, Hipster in Tel Aviv ins Visier zu nehmen, denen der Zionismus egal ist, die aber von der Stabilität des Staates profitieren, der von ihm errichtet worden ist. Sie stehen unter Verdacht, sich nicht mehr vollauf für die gemeinsame Sache einzusetzen. Hier scheint es sich um ein Danach-Kommen zu handeln, das als Niedergang gedeutet wird. 

Illouz: Wenn Israel sich so entwickelt hätte, wie es dies einst zu hoffen wagte, wenn es ein normales Land geworden wäre, dann lägen diese Hipster genau richtig. Es ergibt keinen Sinn, eine nationalistische Ideologie aufrechtzuerhalten, wenn die Nation etabliert ist. Mit Niedergang hat das nichts zu tun. Wenn Dinge institutionalisiert werden, verändert sich unweigerlich ihr Stellenwert. Sie werden für selbstverständlich gehalten. Es stimmt wohl, dass sich die Vertreter postzionistischer Ansichten von ihren Eltern und Großeltern unterscheiden. Sie gehören nicht zur Pioniergeneration. Sie waren nicht direkt dem Holocaust ausgesetzt. Ihnen lag daran, dass Israel Teil eines globalen Netzwerks werden würde und dass sie Zugang zu Formen des Konsums und der Selbstbestimmung erlangten, die für ihre Eltern und Großeltern außer Reichweite waren. Das steckt hinter Gutweins Bemerkung über »Privatisierung« oder hinter dem Verdikt, irgendwelche Hipster hätten sich den Postzionismus ausgedacht, als der Staat Israel etabliert war. Letzten Endes aber kommen bei Entwicklungen, die unter dem Vorzeichen »post« stehen, meist zwei Dinge zusammen: ein objektiver Prozess und die Initiative einer Gruppe, die die Überwindung des Status quo anstrebt. »Privatisierung« kann nicht das letzte Wort sein. 

Thomä: Wenn über einen Wandel geredet wird, bei dem die Generation der Gründer durch eine andere abgelöst wird, die Musik hört und Spaß hat, dann sollte man beachten, dass es sich hier um eine Außenbeschreibung handelt. Die neue Generation würde diese Beschreibung wahrscheinlich zurückweisen. Es ist ein heikler Punkt, dass einige Postismen als Kampfbegriffe gegen politische Gegner eingesetzt werden. Aber lassen Sie uns jetzt die zweite Bedeutung des Postzionismus unter die Lupe nehmen, die, anders als die erste, eng an die politische Praxis gebunden ist. 

Der entscheidende Schritt des Postzionismus bestand darin, die palästinensiche Perspektive sichtbar zu machen.

Illouz: Der entscheidende Schritt dieses Postzionismus bestand darin, die palästinensische Perspektive sichtbar zu machen und die Lesart, dass die Palästinenser Israel freiwillig verlassen hätten, als Selbsttäuschung und als Mythos zu entlarven. Es war äußerst wichtig, die Wahrheit über die Gewalt, die ihnen widerfahren ist, ans Licht zu bringen. Die postzionistischen Historiker betraten die Szene, als der Postkolonialismus im Aufstieg begriffen war. Ihre kritische Agenda bestand zu einem guten Teil darin, dessen Konzepte auf Israel anzuwenden. Manchmal gerieten sie dabei, wie ich meine, auf Irrwege, weil sie Kategorien übernahmen, die in Amerika en vogue waren, ohne die Besonderheiten der israelischen Situation zu berücksichtigten. Zum Ersten haben die Juden, als sie gegen die britische Kolonialmacht kämpften, selbst eine antikoloniale Position eingenommen. Zum Zweiten sind die Juden seit jeher in Palästina gewesen. Sie sind durch Religion und demographische Präsenz mit diesem Ort verbunden. Sie betrachten sich selbst als Einheimische. Das heißt natürlich nicht, dass es bei der Gründung Israels keine Gewaltakte gegeben hat, sondern nur, dass das postkoloniale Schema auf diesen Fall nicht glatt anwendbar ist. Der Postzionismus tut zweierlei: Er will die palästinensische Perspektive einbeziehen, und er will Israel als koloniale Macht darstellen. Ich denke, wir sollten diese zwei Punkte trennen. Jedenfalls aber war dieser Postzionismus eine großartige Sache, weil er sich einer Tendenz widersetzte, die in Kriegszeiten weit verbreitet ist: der Tendenz, die Diskussion zu unterbinden und nur eine einzige herrschende Lesart zuzulassen. Ich schätze also dieses »post«, sofern es für den Kampf gegen Hegemonien steht. Aber auch in diesem Fall ist eine soziologische Dynamik am Werk: Die postzionistischen Forscher, die in der Regel in den USA studiert und dort die kritische Forschung zum Kolonialismus rezipiert hatten, importierten sie nach Israel, um die Platzhirsche zu verdrängen. 

Thomä: Die Hochzeit des kritischen Postzionismus in Israel scheint vorüber zu sein. Ich war verblüfft, als ich in Tom Segevs Buch »Elvis in Jerusalem«, das immerhin schon 2001 erschienen ist, las, Benjamin Netanjahu habe damals schon das »Zeitalter des Post-post-Zionismus« ausgerufen.4 Das ist auf bedrückende Weise prophetisch, oder nicht? 

Illouz: Viele Israelis kümmern sich heute nicht um Wahrheit, sondern nur ums eigene Überleben. Wenn man ein Selbstbild hat, das komplett vom Kampf ums Überleben beherrscht wird, spielt Wahrheit keine Rolle mehr. In diesem Sinn war Netanjahu tatsächlich prophetisch, auch wenn er meiner Meinung nach die katastrophalsten Fehler gemacht hat, die ein Regierungschef begehen kann, denn er hat die Sicherheit seines Landes zugunsten seiner politischen und persönlichen Interessen aufs Spiel gesetzt. 

Thomä: Ich möchte mich dem Thema Israel/Palästina gerne noch auf andere Weise nähern, nämlich anhand des Begriffs des Traumas, zu dem ja auch ein eigener Postismus, nämlich die posttraumatische Belastung, gehört. Da das Trauma eng mit Opfererfahrungen verbunden ist, möchte ich ein Argument ins Spiel bringen, das sich in Ihrem Buch »Der 8. Oktober« findet. Dort sprechen Sie über eine »Opferkonkurrenz«5 mit Bezug auf das Verhältnis zwischen Juden und Schwarzen in den USA. Meine Frage ist nun: Lässt sich dieser Ausdruck auch auf das Verhältnis zwischen Juden und Palästinensern anwenden?

Mit Israel und Palästina eng verbunden ist der Begriff des Traumas.

Illouz: Ich könnte falschliegen, aber ich glaube nicht, dass zurzeit eine solche Konkurrenz zwischen Israelis und Palästinensern besteht. Sie mag im Ausland anzutreffen sein, in den USA oder in Deutschland. Dort geht der Kampf darum, wessen Erinnerung obsiegt. Dort wird die Sonderrolle infrage gestellt, die die Shoah in der moralischen Ordnung westlicher Demokratien seit dem Zweiten Weltkrieg gespielt hat. Dazu gehört auch der Streit um das Wort »Genozid«, das eigentlich mit der Erinnerung an die Shoah verbunden wird, nun aber auch auf den schrecklichen Krieg in Gaza bezogen wird.

Thomä: Warum meinen Sie, dass es keine solche Konkurrenz in Israel/Palästina gibt?

Illouz: Weil Krieg herrscht.6 Der Opfer- und Traumadiskurs passt meiner Meinung nach nur zu Friedenszeiten. Dabei geht es um die langen Schatten der Vergangenheit, nicht um die schreckliche Gegenwart des Krieges. In Israel/Palästina wird nicht um die Erinnerung gekämpft, jedenfalls noch nicht. Israelis und Palästinenser kämpfen um Land und Leben. Sie kämpfen um militärische Überlegenheit. 

Thomä: Lassen Sie uns über die Gegenwart hinausgehen und einen größeren zeitlichen Rahmen wählen. Vielleicht darf ich eine simple, allzu simple Geschichte erzählen: Als ich in der 7. Klasse des Gymnasiums war, wurde im Erdkundeunterricht eine große Landkarte ausgerollt, ich sah dieses klitzekleine Land Israel, umringt von arabischen Staaten, und dachte: Oh, dieses arme Land wird von all den anderen bedroht. Das heißt: Ich sah Israel als Opfer. Ein paar Jahre später habe ich die Gegenerzählung kennengelernt, und sie läuft so: Israel wird von einer Supermacht unterstützt, die massenweise Waffen an Israel liefert und dieses kleine Land befähigt, seine Feinde immer und immer wieder zu besiegen. Die arabischen Staaten mögen auf der Landkarte groß wirken, aber sie sind unterlegen, was ihre technologische und militärische Macht betrifft. Unversehens verwandeln sie sich in Opfer einer imperialistischen Macht, der Vereinigten Staaten, und ihres lokalen Vorpostens Israel. Folgt man diesen einander widerstreitenden Narrativen, können sowohl die Israelis als auch die Palästinenser als Opfer und als Täter angesehen werden. Das macht die Situation so schwierig. Sie unterscheidet sich vom Holocaust und von der Apartheid, weil es diese unheimliche Symmetrie zwischen Opfern und Tätern zu geben scheint – eine Symmetrie, die übrigens von beiden Seiten in wiederum symmetrischer Weise bestritten wird. Wer ist böse, wer ist schlimmer? Und doch ist nicht zu leugnen, dass es Opfer auf beiden Seiten gibt, und deshalb hat mich Ihre Formulierung von der »Opferkonkurrenz« derart fasziniert, dass ich nun Illouz gegen Illouz verteidigen möchte. Vielleicht lässt sie sich doch auf Israel und Palästina übertragen. 

Ich möchte davor warnen, dass der Opferstatus automatisch mit dem Status der moralischen Unschuld gekoppelt wird.

Illouz: Die Shoah hat enorme Auswirkungen auf die Kultur gehabt, die weit über das historische Ereignis selbst hinausgehen. Sie steht für das metaphysische Böse, mit dem sich kein anderes Böse vergleichen lassen soll. Dagegen bleibt den Palästinensern nur der Raum des politischen Bösen, wo sie die gewöhnlichen Schrecken des Krieges durchleiden. Sie fühlen sich erniedrigt, weil ihnen jene Art von Heiligenschein verweigert wird, die die Opfer der Shoah umgibt. Es ist etwas dran an dem Vorwurf, dass die Israelis die Shoah instrumentalisiert haben, um sich Unantastbarkeit zu sichern und Straflosigkeit für sich zu beanspruchen. Allerdings greift dieses Argument zu kurz, denn der Iran hat geschworen, Israel zu zerstören und zu vernichten, und die Hamas tut es ihm mit gleicher Leidenschaft nach. Die jüdische conditio gilt also weiterhin. Jean Améry hat sie auf den Punkt gebracht, als er schrieb: »Jude sein, das hieß für mich […], ein Toter auf Urlaub zu sein.«7 Dies ist ein Grund, warum die Postzionisten falschliegen könnten. Der Kampf um das Überleben und die Legitimität Israels ist weiterhin im Gange. 

Thomä: Ich kann nachvollziehen, dass das Wort von der »Opferkonkurrenz« aus jüdischer Perspektive befremdlich wirkt. Aber aus der Perspektive eines unbeteiligten Dritten (wenn es ihn denn gäbe!) ließe sich wohl doch von Konkurrenz sprechen. Die Palästinenser könnten sagen, dass die Juden in Europa Opfer waren und im Nahen Osten Täter sind. 

Illouz: Das stimmt. Palästinenser sind den Juden zum Opfer gefallen, und nun zerstören die Israelis ihre Existenz in Gaza. Jeder moralisch denkende Mensch muss sich dagegen wenden. Doch möchte ich davor warnen, dass der Opferstatus automatisch mit dem Status der moralischen Unschuld gekoppelt wird. Die Israelis in Gaza sind nicht unschuldig, auch wenn sie Opfer des Massakers vom 7. Oktober waren. Viele Palästinenser haben es auf die Unantastbarkeit, die Straflosigkeit abgesehen, die mit dem Opferstatus einhergeht. Sie sind Opfer, das ist völlig unstrittig, aber sie sind keine unschuldigen Opfer. Sie leben in einem Zustand der Unterdrückung und der Staatenlosigkeit, der fast beispiellos ist. Es muss aber auch gesagt werden, dass sie nach all ihren militärischen Niederlagen jeden Versuch zur Friedensstiftung zurückgewiesen haben. Warum hat die palästinensische Führung nach dem Rückzug Israels aus Gaza 2005 entschieden, ihr Geld für den Bau von Tunneln auszugeben, statt eine funktionierende Wirtschaft für die Bevölkerung aufzubauen? Man muss sich mit Wirklichkeiten herumschlagen, die einander widerstreiten, und darf sich nicht die Tatsachen herauspicken, die einem in den Kram passen. Unter den Palästinensern gibt es viele Opfer, aber sie haben bei ihrem tragischen Schicksal eine aktive Rolle gespielt. Wenn man sie als unschuldig deklariert, bleibt man blind für die dialektische Beziehung zwischen Gruppen, die von Hass- und Rachegefühlen angetrieben werden. 

Israelis und Palästinenser sind Opfer, aber sie sind keine unschuldigen Opfer.

Es gibt aber noch ein zusätzliches Problem mit der »Opferkonkurrenz«. Im US-amerikanischen Kontext, auf den ich diesen Ausdruck bezogen habe, zielt er auf zwei Minderheiten, Schwarze und Juden, die sich auf eine Instanz beziehen, welche im Sinne Paul Ricœurs als »das Dritte« bezeichnet werden kann.8 Bei dieser dritten Gruppe handelt es sich um die weiße, nichtjüdische Mehrheit, die WASPs (White Anglo-Saxon Protestants), die überall am Drücker sitzen. Diese dritte Instanz ist Voraussetzung für die Konkurrenz, die hier im Gange ist. Man will als Opfer oder als ultimatives Opfer von denen anerkannt werden, die die Mehrheit in den USA repräsentieren. In Israel/Palästina ist das anders. Der Schlagabtausch zwischen den beiden Gruppen findet nicht mit Bezug auf eine dritte Instanz statt. 

Thomä: Dieser Punkt leuchtet mir ein. Wenn es hier überhaupt zu einer Opferkonkurrenz kommen kann, dann muss sie einer anderen Logik folgen. Dann muss es darum gehen, sich die Hegemonie im Diskurs zu sichern. Denken Sie an Shoah und Nakba… 

Illouz: Es trifft wohl zu, dass man versucht hat, die Nakba nach dem Vorbild der Shoah darzustellen. 

Thomä: … und denken Sie an den 7. Oktober 2023 und das, was darauf folgte. Die Toten auf beiden Seiten werden gezählt. Die israelische Armee sagt, sie selbst sei unschuldig an den Toten in Gaza und die Verantwortung dafür liege bei der Hamas, den eigentlichen Tätern. 

Illouz: Was immerhin stimmt, ist, dass die Israelis diesen Krieg nicht begonnen haben und gemäß Völkerrecht zur Selbstverteidigung berechtigt sind. Das ändert freilich nichts daran, dass der Krieg, den sie führen, schrecklich, grauenerregend und längst nicht mehr legitim ist. 

Thomä: Es geht also um die Erzeugung von Tätern auf beiden Seiten, um sicherzustellen, dass auf unserer Seite die Opfer und auf der anderen Seite die Täter zu finden sind. 

Illouz: Seit mindestens zwanzig Jahren, seit dem Rückzug aus Gaza 2005, fliegen Bomben auf Israel. Zugleich fallen Palästinenser israelischen Attacken zum Opfer. Diese beiden Wahrheiten muss man aushalten. Die Bevölkerung in Gaza wurde sowohl von Israel als auch von der Hamas daran gehindert, ökonomische Fortschritte zu machen, die sie vielleicht für einen Friedensschluss empfänglich gemacht hätten. Auf beiden Seiten bestand ein strategisches Interesse daran, die Bevölkerung verelenden zu lassen, um hier wie dort den Hass zu schüren. Letzten Endes gilt zum einen, dass die Palästinenser Opfer israelischer Gewalt wurden, und zum anderen, dass sie von palästinensischer Seite, von arabischen Staaten und NGOs als Opfer dargestellt oder konstruiert worden sind. Während die Juden in den 1970ern und 80ern in paradigmatischer Weise als Opfer galten, versuchen inzwischen die Palästinenser, ihre Identität, ihre Existenz, ihre Körper – wie die Juden – an der Idee eines Superopfers festzumachen. Aber an diesen Konstruktionen wird, wie gesagt, vor allem außerhalb von Israel/Palästina gearbeitet. 

Thomä: Ich finde es bedrückend, wenn vergangene Ereignisse nicht nur als wesentliche Elemente der Identität einer Gruppe angesehen werden, sondern auch deren Zukunft vorentscheiden – und zwar in schier unverhandelbarer Weise. Damit wird die Zukunft zu einer Post-Vergangenheit. Lassen Sie mich zum Abschluss einen Bericht ins Spiel bringen, der im Jahr 1958 unter dem Titel »Das Palästinensische Flüchtlingsproblem. Ein neuer Ansatz und ein Plan für eine Lösung« erschien und kürzlich erneut veröffentlicht worden ist. Herausgegeben wurde er damals von einem Institute for Mediterranean Affairs, und Aufmerksamkeit hat er nun auf sich gezogen, weil Hannah Arendt ihn zwar nicht mitverfasst, aber offenbar mitverantwortet hat. In diesem Bericht werden gleich zu Beginn »nicht relevante Aspekte« angeführt, also Fragen, die bei der Erarbeitung einer Lösung für Israel/Palästina nur stören und keine Berücksichtigung finden sollten. Die meisten dieser Fragen haben mit der Vergangenheit zu tun. Sie lauten etwa: »Wer trägt die Schuld an der gegenwärtigen Notlage der Flüchtlinge?«, »Welche historischen Ansprüche hat das jüdische beziehungsweise das arabische Volk auf Palästina?«, »Wer hat recht« etc. All diese Fragen wurden als »nicht relevant« ausgegliedert.9 Eine Provokation! Stellt es eine Überforderung für die Betroffenen dar, all diese wichtigen Fragen beiseitezulassen? 

Wenn vergangene Ereignisse die Zukunft vorentscheiden, wird die Zukunft zu einer Post-Vergangenheit.

Illouz: Wenn ich Ihre Frage richtig verstehe, dann zielen Sie darauf, ob es zu viel Erinnerung geben kann. Ich kann David Rieffs Lob des Vergessens viel abgewinnen, ebenso auch seiner Unterscheidung zwischen Geschichte und Erinnerung.10 In der Geschichtsschreibung geht es darum, Fakten zu kennen und Mythen zu entkräften. Bei der Erinnerung geht es darum, wie wir Fakten in der Gegenwart, in laufenden politischen Auseinandersetzungen und für die Bildung einer kollektiven Identität einsetzen. Was heißt das nun für die Rolle des Traumas in der Politik heute?

Ich glaube, dass zwei Bevölkerungsgruppen, die zusammenleben müssen, nichts davon haben, sich bei ihren Bemühungen auf das Trauma zu stützen. Die Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika scheint mindestens zeitweise eine Lösung für dieses Problem gefunden zu haben. Sie hatte die Aufgabe, die Wahrheit über vergangene Grausamkeiten herauszufinden, doch war diese Aufgabe von der Vergeltung und Strafverfolgung abgekoppelt. Das Ziel bestand darin, die Wahrheit über die Verluste, das Leiden, die Trauer der Menschen zu dokumentieren, doch die Betroffenen wurden dazu aufgerufen, all dies nicht auf die Gegenwart durchschlagen zu lassen. Dahinter stand die Einsicht, dass zwei Bevölkerungsgruppen nicht zusammenleben können, wenn sie in ihrem jeweiligen Groll gefangen bleiben. Freilich unterscheidet sich der Fall Südafrika von dem Fall Israel/Palästina. Dort war unstrittig, dass Schwarze und Weiße auf demselben Grund und Boden, in einem gemeinsamen Staat weiter zusammenleben werden. Dagegen ist das Ziel in Israel/Palästina die Trennung. Solange kein Prozess im Gange ist, der auf die Etablierung eines Palästinenserstaates hinausläuft, solange sie nicht in Sicherheit und in Würde leben, solange sie tagein, tagaus von Israelis vernichtet, erniedrigt, eingesperrt und zum Schweigen gebracht werden, kann man von ihnen das Vergessen nicht verlangen. Gleiches gilt für die Israelis. Gerade jetzt wäre es schwierig, die vielen Familien, die von Terrorismus und Krieg betroffen sind, die einen toten Sohn oder Vater betrauern, zum Vergessen aufzufordern. Dies wird die Aufgabe künftiger Generationen sein. Die Aufgabe guter Politik besteht darin, Voraussetzungen für das Vergessen zu schaffen. 

Bei diesem Text handelt es sich um die stark gekürzte Version eines Gesprächs, das vollständig erscheinen wird in: Dieter Thomä (Hg.), Postismen. Vom Nutzen und Nachteil eines Denkmusters für die Wissenschaften, Suhrkamp Verlag, Berlin 2026, S. 321–335. 

1 Vgl. Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt a.M. 1982.

2 Vgl. zum Beispiel Benny Morris, The Birth of the Palestinian Refugee Problem, 1947–1949, Cambridge u.a. 1987; Avi Shlaim, Collusion Across the Jordan: King Abdullah, the Zionist Movement, and the Partition of Palestine, New York 1988; Ilan Pappé, The Making of the Arab-Israeli Conflict, 1947–1951, London 1994; ders., Die ethnische Säuberung Palästinas, Frankfurt a.M. 2007.

3 Daniel Gutwein, »From Melting Pot to Multiculturalism; or, the Privatization of Israeli Identity«, in: Anita Shapira (Hg.), Israeli Identity in Transition, Westport 2004, S. 215–231, hier S. 225.

4 Tom Segev, Elvis in Jerusalem. Post-Zionism and the Americanization of Israel [2001], New York 2002, S. 8. 

5 Eva Illouz, Der 8. Oktober [2024], Berlin 2025, S. 52. Zum Problem des Posttraumatischen vgl. auch Dieter Thomä, Post-. Nachruf auf eine Vorsilbe, Berlin 2025, S. 211–221.

6 Als dieses Gespräch am 2. September 2025 geführt wurde, war der Gazakrieg noch im Gange. Wie sich die Situation in Israel/Palästina weiter entwickeln wird, lässt sich heute immer noch nicht absehen. Deshalb wurde auf nachträgliche Änderungen und künstliche Aktualisierungen verzichtet.

7 Jean Améry, Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten [1966], Stuttgart 1980, S. 135.

8 Paul Ricœur, Le juste, Paris 1995, S. 12–19. 

9 Institute for Mediterranean Affairs, Das Palästinensische Flüchtlingsproblem. Ein neuer Ansatz und ein Plan für eine Lösung [1958], in: Hannah Arendt, Über Palästina, hg. von Thomas Meyer, München 2024, S. 43–227, hier S. 54–58.

10 David Rieff, In Praise of Forgetting: Historical Memory and Its Ironies, New Haven, London 2016, S. 22–42.

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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