Für die Pluralisierung der Erinnerungskultur 40 Jahre nach dem Historikerstreit
Bild: Die Installation »Grundgesetz 49« des israelischen Künstlers Dani Karavan am Jakob-Kaiser-Haus. In Glasscheiben sind die 19 Grundrechtsartikel des Grundgesetzes eingraviert, 3.8.2007 (IMAGO / Reiner Zensen)
Während des Historikerstreits 1986 wehrte sich Jürgen Habermas erfolgreich gegen die Relativierung des Holocaust und hoffte, die Deutschen würden statt einer konventionellen Nationalidentität einen Verfassungspatriotismus entwickeln. Heute sollte dieses abstrakte Konzept mit konkreten Inhalten gefüllt und eine Erinnerungskultur entwickelt werden, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet.
Vor einigen Jahren erhielt ich eine Nachricht von Niklas Frank, dem Sohn des NS-Verbrechers Hans Frank, des berüchtigten »Schlächters von Polen«. Hans Frank war im Nürnberger Prozess zum Tode verurteilt und hingerichtet worden. Sein Sohn schrieb mir mit dem Wunsch, mich kennenzulernen. Ich reagierte zunächst zögerlich. Aus einem schwer erklärbaren Unbehagen heraus versuchte ich, das Treffen hinauszuschieben. Doch Niklas Frank blieb hartnäckig. Als er schließlich vor meiner Bürotür stand, begegnete mir ein freundlicher, älterer Herr mit großer Ernsthaftigkeit. Für Small Talk interessierte er sich nicht. Fast unmittelbar nach der Begrüßung stellte er die Frage, die ihn offenbar seit Jahren verfolgte: »Sind wir Deutschen heute wieder zur Vernichtung der Juden bereit?« Diese Frage, sagte er, lasse ihn nicht los. Er denke tagsüber darüber nach und träume nachts davon.
Die Situation war gleichermaßen beklemmend wie eigentümlich. Ich empfand Mitgefühl für diesen warmherzigen Menschen, der sichtbar unter dem historischen Erbe seines Vaters litt.