Wie in Belarus jegliche Widerständigkeit im Keim erstickt wird
Bild: Symbolbild: In einen Vogelkäfig eingesperrte Sprechblasen (IMAGO / Ikon Images)
Geht es um verbotene Literatur, schauen derzeit viele in die USA. Doch in der Mitte Europas werden Kultur und Ideen schon länger unterdrückt: durch die systematische Zensur des Lukaschenko-Regimes in Belarus. Die Repression richtet sich gegen Intellektuelle, zielt aber auf die gesamte Gesellschaft, die unwissend und gefügig gemacht werden soll. Angesichts der weltweiten autoritären Tendenzen zeigt uns Belarus, was auch andernorts drohen kann.
Zwischen staatlicher Macht und Gedächtniskontrolle herrscht eine enge Beziehung. Der Philosoph Jacques Derrida hat das im Begriff des Archivs zusammengefasst: die Gesamtheit aller Informationen, die in einer bestimmten Sprache verfasst und in den Bibliotheken, Buchhandlungen und privaten Sammlungen eines Landes aufbewahrt werden. »Es gibt keine politische Macht ohne die Kontrolle über das Archiv, wenn nicht sogar über das Gedächtnis«, schreibt Derrida, »eine wirksame Demokratisierung lässt sich stets an diesem wesentlichen Kriterium messen: der Teilhabe am Archiv und dem Zugang dazu, seiner Gestaltung und seiner Interpretation.«1 Dieser Umstand ist jedoch keineswegs ein Relikt vergangener Zeiten. Ihre extremen Beispiele manifestierten sich zwar in den Bücherverbrennungen der Nazis, der stalinistischen Zensur der 1930er bis 1950er Jahre, dem argentinischen »Schmutzigen Krieg« der 1970er Jahre oder in China während der Kulturrevolution.