Trotz der hohen Popularität von US-Präsident Bush und der satten Selbstgefälligkeit der Republikaner sei eine optimistische These gewagt: Es gibt guten Grund zu der Hoffnung, daß links-reformerische Bewegungen in den 90er Jahren stärkeren Einfluß auf den politischen Entscheidungsprozeß der USA nehmen werden. Im Dezember 1989 prognostizierte der Konsumentenaktivist Ralph Nader gar, daß amerikanische "Politiker vom Ausmaß der kommenden Proteste so überrascht sein werden wie osteuropäische Regierungen über die Proteste in ihren Ländern". Zwei Faktoren haben dem im weitesten Sinn linken Spektrum Auftrieb gegeben: das Ende des Kalten Krieges und die wachsende Unzufriedenheit der US-Bevölkerung mit den Alternativen, die sich in ihrem politischen System bieten. Die Bedeutung der Ideologie des Kalten Krieges im politischen Leben der USA kann kaum unterschätzt werden. Mit Warnungen vor dem "Kommunismus" rechtfertigten Politiker Kriege und Hochrüstung, machten sie "sozialistisch" und selbst "liberal" zu Schimpfwörtern und bremsten "linke" Strömungen und Organisationen, seien es der Gewerkschaftsverband AFL-CIO oder die Bürgerrechts und Friedensbewegung.
In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert.